Eine harmlose Filmfigur ist in Russland zum Politikum geworden. Während staatliche Stellen über Moral und Erziehung streiten, füllen Zuschauer landesweit die Kinosäle. Der Konflikt zeigt, wie aufgeladen Kultur im heutigen Russland ist.
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Im Zentrum der Debatte steht Tscheburaschka, ein seit Jahrzehnten bekanntes Fantasiewesen. Sein jüngster Kinoauftritt wird nicht nur gefeiert, sondern auch als ideologisches Problem verhandelt.
Kritik von oben
Einen der schärfsten Angriffe formulierte der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin, wie der Spiegel berichtet. Er beschimpfte Tscheburaschka erneut als „wurzellosen Kosmopoliten“, einen Kampfbegriff aus der Spätphase des Stalinismus.
Auf Telegram schrieb er nach dem Kinostart: „Tscheburaschka ist die konzentrierte Form des Schwachsinns, gegen den ich mein Leben lang gekämpft habe“.
Wie der Spiegel berichtet, hatte Dugin die Figur schon zuvor als Symbol kulturellen Niedergangs dargestellt. Seine Angriffe richten sich weniger gegen den konkreten Film als gegen eine Form von Unterhaltung, die sich staatlicher Ideologie entzieht.
Streit im Parlament
Die Debatte griff rasch auf die Politik über. Bei einer Sitzung des Kulturausschusses der Staatsduma wurde die staatliche Filmförderung grundsätzlich infrage gestellt. Der Abgeordnete Iwan Mussatin sagte, wie der Spiegel berichtet, Filmschaffende, die früher Russland diffamiert hätten, produzierten nun belanglose Märchen.
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Dmitri Pewzow, Vizechef des Ausschusses, erklärte: „Tscheburaschka verdirbt unsere Kinder“. Ihm fehle eine klare Moral und eine positive Leitfigur. Eine weitere Abgeordnete forderte daraufhin eine Verschärfung der Zensur.
Erziehung und ideologie
Auch bei weiteren Beratungen zur Förderung von Kinder- und Animationsfilmen wurde bemängelt, diese kämen ihrer „Erziehungsfunktion“ nicht nach. Die kommunistische Abgeordnete Maria Prussakowa verlangte mehr Darstellungen von Großfamilien, um politische Ziele zur Steigerung der Geburtenrate zu unterstützen, wie der Siegel berichtet.
Vizekulturministerin Schanna Alexejewa umriss die offizielle Linie: Geförderte Filme sollten Russland als modernes Land zeigen, zugleich aber „Heldentum und die Aufopferung unserer Kämpfer“ thematisieren.
Publikumserfolg bleibt
Trotz der politischen Kritik bleibt der wirtschaftliche Erfolg ungebrochen. Nach Angaben des Portals Kinobusiness spielte „Tscheburaschka 2“ rund 5,6 Milliarden Rubel ein, umgerechnet etwa 62 Millionen Euro, und steuert damit auf einen historischen Rekord zu.
Bemerkenswert ist, dass ein als Familienfilm angelegtes Märchen zur Projektionsfläche ideologischer Kämpfe wird.
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In autoritären Systemen übernimmt Popkultur häufig eine doppelte Rolle: Sie dient als Ventil für gesellschaftliche Sehnsüchte, wird aber zugleich streng darauf geprüft, ob sie staatliche Narrative stützt.
Der Streit um Tscheburaschka zeigt, wie selbst nostalgische Figuren Teil eines kulturellen Machtkampfs werden können, in dem Unterhaltung zunehmend nach ihrem politischen Nutzen bewertet wird.
Quelle: Der Spiegel