Ein Streit über die Kosten in den Niederlanden verlangsamt die Einrichtung eines Sondertribunals zur strafrechtlichen Verfolgung der russischen Führung wegen des Verbrechens der Aggression.
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Den Haag, das voraussichtlich das Gericht beherbergen soll, hat Finanzierungsbedingungen vorgeschlagen, die mehrere europäische Regierungen als überzogen betrachten. Dadurch ist eine politische Pattsituation entstanden, die nun droht, das Verfahren um Jahre zu verzögern.
Im Zentrum der Meinungsverschiedenheiten steht nach Berichten von European Pravda eine Hochsicherheits-Haftanstalt im Wert von schätzungsweise 70 Millionen Euro sowie jährliche Betriebskosten in Höhe von mehreren zehn Millionen Euro.
Finanzieller Vorwand
Niederländische Vertreter erklären, sie seien bereit, das Tribunal zu beherbergen, allerdings nur bei breiter internationaler finanzieller Unterstützung. European Pravda berichtet jedoch, dass wichtige Beitragszahler zum Haushalt des Europarates – darunter Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Italien – nicht bereit sind, die vorgeschlagenen Summen zuzusagen.
Der estnische Abgeordnete Eerik-Niiles Kross argumentierte, die Unsicherheit über die Kosten sei zu einer bequemen Rechtfertigung für Zurückhaltung geworden. Er deutete an, finanzielle Unklarheit werde als politischer Schutzschild genutzt, um entschlossene Schritte zu vermeiden.
Der niederländische Sondergesandte Arjen Uijterlinde erklärte, selbst die Schaffung der Grundstruktur des Tribunals könne sich bis 2028 hinziehen – ein Zeitrahmen, der nach Ansicht von Kritikern weit über historischen Präzedenzfällen für internationale Gerichte liegt.
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Frieden versus Rechenschaftspflicht
Hinter verschlossenen Türen spekulieren einige Vertreter, die Verzögerung könnte mit diplomatischen Erwägungen im Zusammenhang mit möglichen Verhandlungen mit Moskau zusammenhängen.
Eine von European Pravda zitierte Quelle deutete an, dass eine Verschiebung des Tribunals künftige Gespräche mit Präsident Wladimir Putin erleichtern könnte, was impliziert, dass Rechenschaftspflicht als verhandelbar betrachtet werden könnte.
Kyjiw hat diese Idee entschieden zurückgewiesen. Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte, dass Frieden nicht auf Kosten der Gerechtigkeit erreicht werden könne. „Kein würdiger Frieden ohne Gerechtigkeit“, sagte er in Äußerungen, auf die in jüngsten Gesprächen Bezug genommen wurde.
Außenminister Andrij Sybiha äußerte sich noch deutlicher: „Es wird keine Amnestie geben. Internationale Verbrecher haben kein Recht auf Amnestie.“
Institutionelle Zurückhaltung
Obwohl der Europarat formell zugestimmt hat, das Tribunal zu unterstützen, hat sein Ministerkomitee den erforderlichen Entwurf eines multilateralen Abkommens zur Einleitung des Verfahrens bislang nicht gebilligt.
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Generalsekretär Alain Berset erklärte, die Organisation habe ihre Rolle erfüllt, und die nächsten Schritte lägen nun bei den Mitgliedstaaten. Kritiker argumentieren, diese Distanzierung spiegele eine breitere politische Zurückhaltung innerhalb der europäischen Führung wider.
Die Europäische Union hat 10 Millionen Euro an Vorbereitungsmitteln bereitgestellt, und die nordischen sowie baltischen Staaten haben das Tribunal zur Priorität erklärt. Dennoch bleibt das Verfahren ohne Konsens unter den großen Hauptstädten blockiert.
Für die Ukraine ist die Sorge klar: Eine Verzögerung der Justiz droht sowohl die Rechenschaftspflicht als auch die Abschreckung zu schwächen. Ob Europa nun von der Rhetorik zum Handeln übergeht, hängt eher vom politischen Willen als von der rechtlichen Bereitschaft ab.
Quellen: European Pravda