Theoretisch könnte das Urteil es ermöglichen, ein Abonnement abzuschließen, das ganze Wochenende Sport zu schauen und es anschließend zu kündigen, ohne den vollen Preis zahlen zu müssen.
Wenn Sie ein neues Online-Abonnement abschließen, erscheint das Anklicken des Kästchens für die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) wie selbstverständlich.
Die meisten Menschen gehen davon aus, dass diese digitalen Regeln ab dem Zeitpunkt der Zahlung in Stein gemeißelt sind.
Doch das rechtliche Kleingedruckte hinter Ihrem Wohnzimmerbildschirm beginnt sich zu ändern.
Regeländerungen
Jahrelang haben sich Streamingplattformen auf eine rechtliche Abkürzung verlassen. Sie fordern Neukunden routinemäßig auf, im Austausch für den sofortigen Zugang zu den Inhalten auf ihr gesetzliches 14-tägiges Widerrufsrecht zu verzichten.
Diese gängige Praxis ist nun ernsthaft in Gefahr. Ein österreichischer Konsumentenschutzverband verklagte den Medienanbieter Sky wegen seiner Allgemeinen Geschäftsbedingungen.
Laut der Klage argumentierte Sky, dass seine Plattform gemäß den EU-Regeln lediglich „digitale Inhalte“ anbiete.
Diese Einstufung ermöglichte es dem Unternehmen, Rückerstattungen zu verweigern, sobald ein Kunde mit dem Ansehen begann. Die österreichischen Richter benötigten Orientierung und baten daher den Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg um die Auslegung des Gesetzes.
Mehr als nur Inhalte
Am Donnerstag verkündete der Europäische Gerichtshof sein Urteil. Die Richter entschieden, dass moderne Streamingplattformen weit mehr als eine statische Videobibliothek bieten.
Nach Ansicht des Gerichts in Luxemburg erbringen Plattformen, die das Sehverhalten verfolgen und personalisierte Titel vorschlagen, stattdessen einen „digitalen Dienst“. Diese entscheidende Einstufung ist ausschlaggebend.
Da eine algorithmusgesteuerte Plattform als fortlaufender Dienst fungiert, können Unternehmen Ihr gesetzliches Widerrufsrecht nicht automatisch ausschließen. Das gesetzliche 14-tägige Widerrufsrecht muss bestehen bleiben.
Die nationalen Gerichte in Österreich werden die endgültige Entscheidung im Sky-Rechtsstreit treffen. Dennoch ist dieses Urteil von großer Bedeutung.
Experten prognostizieren, dass die europäische Entscheidung eine umfassende Überarbeitung der Abonnementverträge in ganz Europa erzwingen wird.
Das Sportdilemma
Laut dpa International stellte der deutsche Anwalt Tim Wittwer fest, dass viele Medienanbieter ihre Nutzungsbedingungen nun neu verfassen müssten.
Nach Angaben von Wittwers Kanzlei schafft die Entscheidung ein einzigartiges finanzielles Risiko für Sender, die große Sportereignisse über langfristige Abonnementpakete übertragen.
Sportfans könnten theoretisch ein Abonnement nur abschließen, um ein Wochenendturnier zu sehen. Sie könnten das große Spiel streamen, den Sieg feiern und ihr Abonnement innerhalb der 14-tägigen Widerrufsfrist sofort wieder kündigen.
Streamingunternehmen bleiben jedoch nicht völlig ungeschützt. Der Europäische Gerichtshof betont, dass jeder, der frühzeitig kündigt, eine angemessene Vergütung für die bereits in Anspruch genommenen Leistungen zahlen muss.