Das Verratsnarrativ geht auf ein Gespräch aus dem Jahr 1990 zurück.
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Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich seit Beginn des neuen Jahres vergleichsweise zurückgehalten, doch gestern gab er seine erste außenpolitische Erklärung des Jahres 2026 ab.
In der Erklärung sagte Putin, der Krieg in der Ukraine sei eine „direkte Reaktion“ darauf, dass die NATO jahrelang russische Interessen ignoriert habe, indem sie das Bündnis erweitert habe.
„Ich möchte das betonen: entgegen den öffentlich gemachten Versprechen an uns“, sagte Putin laut einem Transkript auf der Website des Kremls.
Doch von welchen Versprechen spricht er? Und hat er recht mit der Behauptung, die NATO habe ein öffentlich gegebenes Versprechen gebrochen?
Die Münchner Rede
Seit Jahren warnt der russische Präsident Wladimir Putin seine Bürger vor der angeblichen Bedrohung durch die NATO – einem Militärbündnis, das seiner Darstellung nach plane, Russland einzukreisen oder sogar anzugreifen.
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Dieses Argument ist zu einem zentralen Bestandteil der Rechtfertigung des Kremls für den Krieg in der Ukraine geworden.
Spätestens 2007, auf der Münchner Sicherheitskonferenz, beschuldigte Putin den Westen öffentlich des Verrats.
Die Rede markierte einen Wendepunkt – den Moment, in dem Russlands lange schwelendes Misstrauen gegenüber der NATO zu einem prägenden Element seiner Außenpolitik wurde.
Die „Not-one-inch“-Debatte
In seiner Münchner Rede warf Putin den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten vor, mündliche Zusagen gebrochen zu haben, die sowjetischen Führungspersönlichkeiten am Ende des Kalten Krieges gemacht worden seien.
Westliche Politiker hätten Moskau versichert, die NATO werde sich „keinen Zoll nach Osten“ ausdehnen – nur um später ehemalige Staaten des Warschauer Pakts in das Bündnis aufzunehmen, argumentierte er.
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Diese Behauptung fand in Russland großen Widerhall. Von Boris Jelzin bis zum heutigen Machtapparat im Kreml wurde die Vorstellung westlicher Täuschung zu einer gemeinsamen Kränkung – und prägte Russlands Blick auf Europa und sein verlorenes Imperium.
Doch was genau wurde eigentlich versprochen?
Das Gespräch von 1990, mit dem alles begann
Historiker führen den Streit häufig auf ein einzelnes Gespräch im Februar 1990 zwischen dem damaligen US-Außenminister James Baker und dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow zurück.
Bei Gesprächen über die deutsche Wiedervereinigung soll Baker gesagt haben, dass sich das Bündnis „keinen Zoll nach Osten“ bewegen werde, falls Moskau einem vereinten Deutschland innerhalb der NATO zustimme.
Laut dem preisgekrönten Buch Not One Inch: America, Russia, and the Making of the Cold War Stalemate von Mary Elise Sarotte sollte diese Formulierung – geäußert in einem sensiblen diplomatischen Kontext – ein übergroßes symbolisches Eigenleben entwickeln.
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Gorbatschow verstand sie als Beruhigung, nicht als vertragliche Verpflichtung. In der Erinnerung Moskaus jedoch wurde daraus ein Versprechen.
Am folgenden Tag schien auch der westdeutsche Bundeskanzler Helmut Kohl Bakers Haltung zu bestätigen, als er Gorbatschow sagte, die NATO werde sich nicht auf das damalige Gebiet der DDR ausdehnen. Und im Mai desselben Jahres hielt NATO-Generalsekretär Manfred Wörner eine Rede, in der er andeutete, dass eine Erweiterung nicht zur Debatte stehe.
Wörners Äußerungen waren jedoch politischer, nicht rechtlicher Natur, und keine dieser Aussagen wurde in Gesetzesform gegossen. Für viele in Russland ergab sich dennoch ein gemeinsames Verständnis – eines, das bald zerbrechen sollte.
Was sagt der Vertrag tatsächlich?
Als der Zwei-plus-Vier-Vertrag am 12. September 1990 unterzeichnet wurde, regelte er ausschließlich den Status Deutschlands nach der Wiedervereinigung.
Artikel 6 bestätigte Deutschlands Recht auf Bündniszugehörigkeit und dehnte den kollektiven Verteidigungsschirm der NATO auf ganz Deutschland aus, untersagte jedoch die Stationierung oder Verlegung ausländischer (nicht deutscher) Truppen sowie von Atomwaffen im ehemaligen Ostdeutschland.
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Andere osteuropäische Länder wurden nicht erwähnt, ein ausdrückliches Erweiterungsverbot ebenso wenig – und erst recht keine schriftliche Garantie.
Baker räumte später selbst ein, er sei möglicherweise „ein wenig zu forsch vorgegangen“.
Dennoch war die Symbolik eindeutig: Zum ersten Mal hatte sich der Sicherheitsschirm der NATO nach Osten verschoben – in ein Gebiet, das nur ein Jahr zuvor noch unter sowjetischer Kontrolle gestanden hatte.
Von Unbehagen zu Anschuldigungen
In Moskau warnten viele Funktionäre Gorbatschow davor, zu viel preiszugeben.
Der sowjetische Verteidigungsminister Dmitri Jasow suchte sogar mündliche Zusicherungen beim damaligen britischen Premierminister John Major, dass sich die NATO nicht weiter nach Osten ausdehnen werde.
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Major sagte laut einem zeitgenössischen Tagebucheintrag des britischen Botschafters Rodric Braithwaite vom 5. März 1991, „so etwas werde niemals geschehen“.
Eine schriftliche Bestätigung gab es nicht. Für die Russen fügte sich jedoch ein Muster zusammen – verbale Beruhigung durch den Westen, gefolgt von politischen Entwicklungen, die das Gegenteil nahelegten.
Bis 1993, als Jelzin Präsident war, hatte sich die Frustration zu offenem Protest verhärtet. In einem Brief an US-Präsident Bill Clinton argumentierte Jelzin, eine NATO-Erweiterung würde den „Geist“ der Verständigung von 1990 verletzen. US-Diplomaten nahmen den Brief ernst genug, um Deutschland um eine rechtliche Einschätzung zu bitten.
Das deutsche Außenministerium kam zu dem Schluss, dass Jelzins Argument keine Grundlage im Vertragsrecht habe – räumte jedoch ein, man könne „verstehen, warum sich Russland getäuscht fühlte“.
Der Versuch eines Neuanfangs
Die Unterzeichnung der Grundakte über gegenseitige Beziehungen, Zusammenarbeit und Sicherheit sollte die Beziehungen neu ordnen und Vertrauen schaffen.
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Doch selbst während dieser Gespräche griff der russische Außenminister Jewgeni Primakow alte Vorwürfe auf, der Westen habe Moskau Jahre zuvor hintergangen.
US-Vertreter prüften diese Behauptung intern und kamen zu dem Ergebnis, dass zwar einige westliche Politiker 1990 beschwichtigende Formulierungen verwendet hätten, diese jedoch keine formelle Zusage zur Nicht-Erweiterung darstellten.
Rechtlich war der Westen auf der sicheren Seite. Diplomatisch war der Schaden angerichtet.
Momente der Zusammenarbeit
Trotz der Verbitterung gab es Phasen pragmatischer Zusammenarbeit.
1993 überraschte Jelzin seine Berater, als er dem polnischen Staatschef Lech Wałęsa sagte, Polen habe jedes Recht, eine NATO-Mitgliedschaft anzustreben – eine Bemerkung, die seinen inneren Kreis fassungslos machte.
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1997 unterzeichneten die NATO und Russland die Grundakte, in der die Rolle des Bündnisses im europäischen Sicherheitsgefüge offiziell anerkannt wurde.
Doch diese fragile Kooperation konnte das tiefere Gefühl des Verrats nicht auslöschen. Für Putin und große Teile der russischen politischen Elite wurde die Osterweiterung der NATO zum Beweis dafür, dass westliche Diplomatie auf Täuschung beruhe.
Die Wunde, die nie heilte
Heute, Jahrzehnte nach jenen frühen Zusicherungen und Zurückweisungen, bleibt die Frage bestehen: Gab es jemals ein Versprechen – oder nur eine Interpretation?
Rechtlich, so Historikerinnen und Historiker wie Sarotte, lautet die Antwort nein – es gab keine verbindliche Vereinbarung zur Nicht-Erweiterung.
Emotional jedoch empfinden viele Russen – auch jene, die einst eine Partnerschaft mit dem Westen suchten – bis heute ein Gefühl des Verrats.
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Dieses Gefühl, mehr noch als die Fakten selbst, nährt Moskaus anhaltendes Misstrauen gegenüber der NATO.
Quellen
- Der Kreml
- The Guardian: „Did the West promise Moscow that NATO wouldn’t expand?“
- Mary Elise Sarotte, Not One Inch: America, Russia, and the Making of the Cold War Stalemate
- BBC, AP Archives
- National Security Archive
- Offizielle NATO-Texte
- German History Docs (Vertragstext)
- UPI
- Arms Control Association
- Kreml-Transkript