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Das politische Nachleben von Occupy Wall Street

Occupy Wall Street
Joe Tabacca / Shutterstock.com

Eine frühere Protestwelle prägt noch immer die Debatten über Führung, Organisation und politische Macht. Ihre nachhaltigsten Auswirkungen sind möglicherweise weit entfernt von den öffentlichen Plätzen zu finden, auf denen sie erstmals Aufmerksamkeit erregte.

„Wir sind die 99 Prozent“ wurde eng mit Occupy Wall Street verbunden und zu einem der prägenden politischen Ausdrücke der frühen 2010er-Jahre. Der Satz brachte eine komplexe Debatte über Ungleichheit und konzentrierte wirtschaftliche Macht in eine Form, die sich leicht auf Plakaten, in sozialen Medien und bei öffentlichen Versammlungen verbreiten ließ.

Occupy Wall Street begann am 17. September 2011 in New York. Hunderte Menschen beteiligten sich an der ersten Demonstration in Lower Manhattan, und einige von ihnen errichteten ein Protestcamp im Zuccotti Park.

Die Proteste rückten wirtschaftliche Ungleichheit, den Einfluss von Unternehmen und politische Korruption in den Mittelpunkt. Schon bald entstanden ähnliche Protestcamps in anderen US-amerikanischen Städten und im Ausland.

Obwohl die Camps schließlich geräumt wurden, blieb ihre politische Sprache präsent. Der Gegensatz zwischen den 99 Prozent und dem reichsten einen Prozent beeinflusst die öffentliche Debatte bis heute – lange nachdem Occupy aus den täglichen Schlagzeilen verschwunden ist.

Yotam Marom, ein Organisator aus Brooklyn, der an der Bewegung teilnahm, ist überzeugt, dass ihr Vermächtnis in den strategischen Debatten der amerikanischen Linken weiterlebt. In einem Interview mit The Guardian sprach er über diese Fragen im Zusammenhang mit seinem Buch For Louder Days: Reaching Beyond a Politics of Powerlessness.

Die Botschaft verbreitete sich weiter

Marom beschreibt Occupy trotz seiner kurzen Lebensdauer als einen bedeutenden politischen Aufbruch. Die Bewegung habe Tausende Menschen für politischen Aktivismus gewonnen, neue Führungspersönlichkeiten hervorgebracht und zur Gründung neuer Organisationen beigetragen, sagte er der Zeitung.

Er sieht einen Zusammenhang zwischen dieser Zeit und dem politischen Umfeld rund um Bernie Sanders’ Präsidentschaftskampagne 2016, der Wahl von Mitgliedern der Squad sowie der wachsenden Zahl von Kandidatinnen und Kandidaten, die von den Democratic Socialists of America unterstützt wurden.

Einen organisierten Übergang von den Protestcamps in die Wahlpolitik gab es jedoch nicht. Occupy verfügte über keine landesweite Struktur, die die Teilnehmenden nach dem Ende der Proteste zu einer gemeinsamen Organisation oder einem gemeinsamen politischen Programm hätte führen können.

Stattdessen verbreitete sich der Einfluss der Bewegung auf informelle Weise. Die Beteiligten sammelten Erfahrungen in der politischen Organisierung und knüpften politische Netzwerke, während klassenpolitische Themen ein breiteres Publikum erreichten. Einige der mit der Bewegung verbundenen Netzwerke und Ideen tauchten später in lokalen Kampagnen, der Klimabewegung und der Wahlkampfarbeit wieder auf.

Die lockere Struktur von Occupy erleichterte es, Menschen anzuziehen, die traditionellen Hierarchien misstrauten. Gleichzeitig erschwerte diese Offenheit die Festlegung von Verantwortlichkeiten, die Einigung auf gemeinsame Prioritäten und die Vorbereitung auf die Zeit nach dem Nachlassen der Protestdynamik.

Polizeirazzien, Räumungen und die winterlichen Bedingungen trugen zum Ende der Camps bei. Marom ist zudem der Ansicht, dass interne Schwächen Occupy daran hinderten, nach dem ersten Durchbruch eine klare Strategie zum Aufbau politischer Macht zu entwickeln.

Macht erfordert schwierige Entscheidungen

Marom bezeichnet ein wiederkehrendes Problem als die „Politik der Machtlosigkeit“. Damit meint er Verhaltensmuster, die Aktivistinnen und Aktivisten in interne Konflikte verwickeln, während stärkere Gegner weitgehend unbehelligt bleiben.

Ein Beispiel dafür ist die Angst vor Führung. Hinzu kommen restriktive Vorstellungen darüber, wer zu einer Kampagne gehört, sowie Identitätskonzepte, die sich auf Einzelpersonen statt auf umfassendere Systeme der Ungleichheit konzentrieren.

Marom bringt diese Tendenzen mit Pessimismus in Verbindung. Aktivistinnen und Aktivisten, die Milliardären, Vermietern, der Polizei oder Regierungen gegenüberstehen, können zu dem Schluss gelangen, dass ein wirklicher Sieg unmöglich ist. Ideologische Gewissheit kann dann sicherer erscheinen, als Bündnisse zu erweitern, Verantwortung zu übernehmen oder Entscheidungen zu treffen, die scheitern könnten.

Die Debatte ist dringlicher geworden, seit Teile der Linken näher an die politische Macht gerückt sind. Zohran Mamdani, dessen Aufstieg Marom mit der breiteren sozialistischen Öffnung nach Occupy verbindet, trat am 1. Januar 2026 das Amt des Bürgermeisters von New York City an.

Marom betrachtet Wahlerfolge jedoch nicht als Beleg dafür, dass sich das grundlegende Kräfteverhältnis verändert hat. Stattdessen verweist er auf die Klimakrise, den Einfluss von Milliardären, die Kontrolle der Bundesregierung durch die extreme Rechte sowie auf das, was er als gewaltsame staatliche Systeme und Grenzsysteme beschreibt.

Seine Erfahrungen bei CAAAV, einer New Yorker Gemeinschaftsorganisation, die chinesische und bengalische Mieterinnen und Mieter vertritt, dienen als Beispiel für die damit verbundenen Abwägungen. Die Organisation reduzierte Teile ihrer Arbeit in Queens, um Personal und finanzielle Mittel auf eine Kampagne in Chinatown zu konzentrieren.

CAAAV Voice unterstützte später Mamdani und half dabei, chinesische und bengalische Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Marom nutzt dieses Beispiel, um zu verdeutlichen, warum eine Strategie mitunter erfordert, wertvolle Arbeit aufzugeben und begrenzte Ressourcen gezielt an anderer Stelle einzusetzen.

Wahlen allein können ein umfassenderes politisches Projekt seiner Ansicht nach nicht tragen. Kampagnen benötigen auch Organisationen, die zwischen den Wahlzyklen aktiv bleiben, ihre Mitglieder weiterentwickeln und ihren Einfluss in Betrieben und Stadtvierteln ausbauen.

Occupy zeigte, wie schnell öffentliche Unzufriedenheit Tausende Menschen mobilisieren kann. Das bleibende Vermächtnis der Bewegung liegt auch in der bis heute unbeantworteten Frage, wie sich diese Energie in politische Strukturen überführen lässt, die fortbestehen, wenn die Menschenmengen verschwunden sind.

Quellen: The Guardian