Startseite Polizei Verborgene Gewalt in der Ehe sorgt in Pakistan für Besorgnis

Verborgene Gewalt in der Ehe sorgt in Pakistan für Besorgnis

Verborgene Gewalt in der Ehe sorgt in Pakistan für Besorgnis

Jüngste Fälle haben erneut die Aufmerksamkeit auf Misshandlungen gelenkt, die verborgen bleiben können, bevor die Behörden feststellen, was geschehen ist. Eine leitende Polizeirechtsmedizinerin warnt, dass unterlassene Untersuchungen und Zweifel an den Aussagen Betroffener dazu führen können, dass schwere Straftaten nie offiziell erfasst werden.

Eine führende rechtsmedizinische Expertin in Pakistan hat davor gewarnt, dass Gewalt gegen Frauen durch Erklärungen von Familien, verspätete Anzeigen und Widerstand gegen Obduktionen verschleiert werden kann.

Dr. Summaiya Syed-Tariq, leitende Polizeirechtsmedizinerin im Gesundheitsministerium der Provinz Sindh, sagte dem Guardian, dass manche verdächtigen Todesfälle als Unfälle, Suizide, Vergiftungen oder selbst zugefügte Verbrennungen dargestellt würden. Angehörige gäben häufig nur wenige Informationen preis und widersetzten sich weiteren medizinischen Untersuchungen.

Dieser Widerstand hat praktische Folgen. Ohne eine Obduktion können Ärztinnen und Ärzte unter Umständen weder die Todesursache feststellen noch Verletzungen dokumentieren, die als Beweismittel in einem Strafverfahren dienen könnten. Tariq erklärte, Familien widersetzten sich der Untersuchung mitunter trotz der gesetzlichen Verpflichtung, insbesondere dann, wenn sie bereits bestehende Verdachtsmomente bestätigen könnte.

Dasselbe Problem betrifft Überlebende sexueller Gewalt. Manche Fälle werden erst bekannt, wenn eine Frau in kritischem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert wird. Zu diesem Zeitpunkt lassen sich Beweise oft nur noch schwer sichern, während die Betroffene möglicherweise bereits familiärem Druck ausgesetzt war oder bei den Behörden, die ihr eigentlich helfen sollten, auf Zweifel gestoßen ist.

Dies führt zu mehr als nur Lücken in der Kriminalstatistik. Es kann beeinflussen, ob verdächtige Todesfälle untersucht werden, ob wiederkehrende Formen von Gewalt erkannt werden und ob Schutzmaßnahmen dort eingesetzt werden, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Warum Fälle verschwinden

Tariq arbeitet am Aufbau einer Beobachtungsstelle für Femizide, die vorsätzliche Tötungen von Frauen dokumentieren soll. Der Guardian berichtete, dass sie die erste Einrichtung dieser Art in Pakistan und möglicherweise sogar in ganz Südasien werden könnte.

Das Ziel ist klar: Frauen können bei politischen Entscheidungen nicht angemessen berücksichtigt werden, wenn ihre Todesfälle nicht korrekt erfasst werden. Ein zentrales Register könnte helfen, das Ausmaß bekannter Femizide zu bestimmen, wäre jedoch weiterhin darauf angewiesen, dass Polizei, Krankenhäuser und Familien verlässliche Informationen bereitstellen.

Jüngste Fälle, über die die Zeitung berichtete, zeigen, wie schnell Gewalt im privaten Umfeld tödlich enden kann.

In Karatschi wurde die 58-jährige Asma Begum mutmaßlich von ihrem Ehemann getötet, nachdem sie sich geweigert hatte, mit ihm Geschlechtsverkehr zu haben. Der 64-Jährige ging später zu einer Polizeiwache und legte ein Geständnis ab. Anschließend erschienen Videos im Internet, in denen einige Männer ihn lobten, während Juristen öffentlich anboten, ihn zu vertreten.

Die Reaktionen machten deutlich, welcher Feindseligkeit Frauen ausgesetzt sein können, wenn sie innerhalb der Ehe Sex verweigern. Tariq sagte der Zeitung, manche Familien beriefen sich auf religiöse Argumente, um die Vorstellung zu stützen, eine Ehefrau dürfe nicht Nein sagen. Dadurch werde Zwang in eine Erwartung des Gehorsams verwandelt.

In Quetta erlitt die 29-jährige Ärztin Mahnoor Nasir Verbrennungen an 35 Prozent ihres Körpers, nachdem ein Aufzugsbediener eines staatlichen Krankenhauses sie mutmaßlich mit Säure angegriffen hatte, als sie die Tür ihres Hauses öffnete. Sie wurde zur spezialisierten Behandlung nach Karatschi ausgeflogen. Der Verdächtige wurde später bei einem Polizeieinsatz zu seiner Festnahme getötet, als er mutmaßlich zu fliehen versuchte.

Unglaube verhindert Anzeigen

Ein dritter Fall betraf ein 17-jähriges Mädchen in Punjab. Nach Angaben der von der britischen Zeitung zitierten Polizei war sie entführt, unter Drogen gesetzt und von mehreren Männern vergewaltigt worden. Anschließend brachten drei Männer sie bewusstlos in ein Krankenhaus und ließen sie dort zurück. Später starb sie. Ermittler nutzten Aufnahmen von Überwachungskameras des Krankenhauses, um Verdächtige zu identifizieren und festzunehmen, berichtete die Zeitung.

Für Tariq sind solche Vorfälle Teil eines größeren Problems und keine Ansammlung isolierter Straftaten. Vergewaltigung in der Ehe gehört zu den am wenigsten sichtbaren Formen von Gewalt, weil Frauen zunächst familiären Druck und gesellschaftliche Stigmatisierung überwinden müssen, bevor sie sich an Ärztinnen, Ärzte oder die Polizei wenden.

Selbst nach einer Anzeige kann Überlebenden von medizinischem Personal, Ermittlern oder Gerichten der Glaube verweigert werden. Eine solche Reaktion kann andere davon abhalten, sich zu melden, und dazu führen, dass schwere Gewalt verborgen bleibt, bis ein medizinischer Notfall sie ans Licht bringt.

Tariq widersprach außerdem der Vorstellung, Gewalt beschränke sich auf eine bestimmte gesellschaftliche Schicht oder Gemeinschaft. Ihre Erfahrungen im rechtsmedizinischen System von Karatschi umfassen Frauen aus unterschiedlichsten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen.

Die geplante Beobachtungsstelle wird nicht alle Hindernisse beseitigen, mit denen Überlebende konfrontiert sind. Sie könnte jedoch ein verlässlicheres Bild von der Zahl jener Frauen liefern, deren Todesfälle andernfalls ohne ausreichende Prüfung erfasst würden. Für Tariq ist das ein notwendiger Ausgangspunkt: Behörden können auf Straftaten nicht wirksam reagieren, wenn sie diese nicht erkennen.

Quellen: The Guardian