Historische Fotografien besitzen oft eine Glaubwürdigkeit, die schriftlichen Behauptungen fehlt. Gerade deshalb sind gefälschte Bilder besonders gefährlich, wenn sie ohne Kontext verbreitet werden.
Tausende KI-generierte Bilder, die als Szenen aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern ausgegeben werden, verbreiten sich in den sozialen Medien, berichtet Historienet. Anonyme Betreiber können daran verdienen, wenn dramatische Beiträge Kommentare, Weiterleitungen und Werbeaufrufe erzeugen.
Die größere Gefahr besteht darin, dass die wiederholte Konfrontation mit Fälschungen dazu führen könnte, dass Menschen auch authentischen Belegen misstrauen.
Iris Groschek, Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg, warnt davor, dass manipuliertes Material das Vertrauen in authentische Fotografien und Zeitzeugenberichte untergraben könnte.
Victoria Grace Richardson-Walden von der University of Sussex erforscht, wie digitale Technologien die Holocaust-Bildung und Erinnerungskultur verändern. Sie erklärte gegenüber Historienet, dass praktische Leitfäden zum Erkennen KI-generierter Bilder innerhalb weniger Wochen veralten könnten, da sich die Technologie kontinuierlich weiterentwickelt.
Echte Opfer stützen erfundene Geschichten
Einige der überzeugendsten Beiträge verbinden reale Personen mit erfundenen Biografien oder Szenen.
Helena Waterman-de Jong wurde 1916 in eine jüdische Familie in Amsterdam geboren. Sie wurde nach Auschwitz deportiert und am 2. August 1942 ermordet. Historienet berichtet, dass Konten in den sozialen Medien ihre Identität zusammen mit erfundenen Behauptungen und einem KI-generierten Porträt verwendet haben.
Die Veröffentlichung verweist auf eine offenbar unvollständig dargestellte Schulter als mögliches Anzeichen dafür, dass das Bild künstlich erzeugt wurde. Das KI-generierte Porträt ist zudem deutlich schärfer als das erhaltene Archivfoto, wodurch das Gesicht leichter zu erkennen ist.
Ein zweiter Fall nutzt dieselbe Methode, ergänzt sie jedoch um eine besonders emotionale Geschichte. Beiträge über Henek Rosenfeld behaupten, er habe Musik von Franz Schubert gespielt, während Häftlinge zu den Gaskammern geführt wurden. Zudem habe ihm ein junges Mädchen gedankt, weil dies die letzte Musik gewesen sei, die sie hören würde.
Historienet identifizierte mehrere Details, die nicht mit den dokumentierten Abläufen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern übereinstimmen, darunter das Aussehen des Häftlings, seine Kleidung und sein Instrument. Außerdem berichtet die Publikation, dass Musiker in der beschriebenen Situation in Gruppen und nicht allein gespielt hätten.
In beiden Fällen tragen reale biografische Angaben dazu bei, das erfundene Material glaubwürdig erscheinen zu lassen. Die reale Person bleibt bestehen, doch ihre dokumentierte Geschichte wird durch Fiktion ersetzt.
Auch das Konto hinter dem Bild prüfen
Das Profil hinter einem Bild kann ebenso aufschlussreich sein wie das Bild selbst. Historienet hebt das Konto „Archives of Silence“ hervor, das Berichten zufolge täglich bis zu 50 KI-generierte Beiträge veröffentlicht.
Diese Menge beweist zwar nicht, dass jeder Beitrag falsch ist, sie gibt jedoch Anlass, die Inhalte genauer zu prüfen. Konten, die in außergewöhnlich hoher Geschwindigkeit immer wieder sensationelles historisches Material veröffentlichen, könnten automatisierte oder in hohem Maße KI-gestützte Systeme einsetzen.
Leserinnen und Leser können Behauptungen mit Museums- und Archivbeständen vergleichen, prüfen, ob Kleidung und Umgebung zur jeweiligen Zeit passen, und mithilfe einer umgekehrten Bildersuche ältere Versionen eines Bildes finden. Solche Recherchen können zeigen, ob ein Bild zugeschnitten, verändert oder von seiner ursprünglichen Beschreibung getrennt wurde.
Hilfreich ist es außerdem, zu prüfen, wann das Bild erstmals veröffentlicht wurde und ob eine anerkannte Institution die dargestellte Person oder Szene dokumentiert hat. Emotionale Wirkung allein ist kein Beleg für Authentizität.
Keine Methode bietet absolute Sicherheit. Eine sorgfältige Überprüfung kann jedoch dazu beitragen, die Belege zu schützen, auf die Gedenkstätten, Lehrkräfte, Forschende und die Öffentlichkeit angewiesen sind, um den Holocaust zu verstehen.
Quellen: Historienet