Eine Hotelbewertung, eine Kurzgeschichte, ein Nachrichtensatz mit einem mehrfach verwendeten Wort. Im Zeitalter der Chatbots kann selbst gewöhnliches Schreiben plötzlich verdächtig wirken. Diese Unsicherheit verändert, wie Menschen Sprache, Urheberschaft und Vertrauen beurteilen.
Claire Hardaker, Professorin für forensische Linguistik an der Lancaster University, betreibt Bot or Not, einen Onlinetest, bei dem die Teilnehmer beurteilen sollen, ob kurze Texte von einem Menschen oder von einer KI verfasst wurden.
In einem von The Guardian angeführten Beispiel wurden Hotelbewertungen verwendet. Die Leser sollten echte Kommentare von maschinell erzeugten unterscheiden. Die Teilnehmer erkannten die von KI geschriebenen Bewertungen nur in rund 60 Prozent der Fälle korrekt – ein Hinweis darauf, wie schwierig diese Einschätzung geworden ist.
Viele verlassen sich auf vermeintliche Warnsignale wie Klischees, Gedankenstriche oder sauber aufgebaute Dreiergruppen. Solche Muster kommen jedoch auch in ganz gewöhnlichen, von Menschen verfassten Texten vor.
Hardaker hält diese Anhaltspunkte für unzuverlässig:
„Die Menschen haben sich sehr vereinfachte Faustregeln angeeignet und wenden sie nun überall völlig unkritisch an.“
Zu Unrecht beschuldigt
Die Gefahr besteht nicht nur darin, dass maschinell erzeugte Texte unbemerkt durchrutschen. Auch echte Autoren können fälschlicherweise als KI eingestuft werden, und ein Vorwurf im Internet kann sich schneller verbreiten als Belege oder der notwendige Kontext.
Das kann dazu führen, dass Autoren, Journalisten und Verlage ganz gewöhnliche Entscheidungen bei Stil, Zeichensetzung oder Wortwahl verteidigen müssen. Ein Satz, der früher einfach nur gut formuliert wirkte, kann heute bereits Misstrauen wecken.
Große Sprachmodelle werden mit riesigen Sammlungen menschlicher Texte trainiert. Gleichzeitig begegnen Leser und Schreibende immer häufiger KI-geprägten Formulierungen in E-Mails, Suchanfragen und Antworten von Chatbots.
Das Ergebnis ist ein Rückkopplungseffekt, bei dem sich menschliche und maschinell erzeugte Texte zunehmend ähneln. Dadurch wird es schwieriger, sich sicher zu sein – insbesondere dann, wenn Urteile auf dem Bauchgefühl beruhen.
Medien, darunter auch The Guardian, erhalten inzwischen Beschwerden über angeblich maschinell erzeugte Texte.
„Delve“ und Zweifel
Forscher, auf die sich The Guardian bezieht, haben die Nutzung von Chatbots mit einer zunehmenden Verwendung von Wörtern wie „delve“, „showcase“ und „intricate“ in Verbindung gebracht.
Diese Begriffe tauchen seit der breiten Verfügbarkeit generativer KI häufiger in wissenschaftlichen Arbeiten und anderen Texten auf.
Andere Studien legen nahe, dass KI-gestützte Bearbeitung das Englische stärker in Richtung einer standardisierten angloamerikanischen Sprachform verschiebt und dadurch regionale oder kulturelle Unterschiede verringert.
Forscher bezeichnen diesen Trend als „cultural ghosting“. Gemeint ist, dass lokale Ausdrücke und etablierte Schreibkonventionen nach und nach durch einheitlichere Alternativen ersetzt werden.
Diese Entwicklung macht Texte nicht zwangsläufig ungenauer oder schwerer verständlich. Sie könnte jedoch dazu führen, dass sich unterschiedliche Stimmen im Laufe der Zeit immer ähnlicher anhören.
Die Frage lautet daher nicht mehr nur, ob ein Satz gut formuliert klingt. Es geht vielmehr darum, ob Stimme, Herkunft und Absicht unmerklich eingeengt werden, während KI-generierte Sprache zunehmend Teil der alltäglichen Kommunikation wird.
Das stillschweigende Versprechen der Literatur
Gary Shteyngart, ein in der Sowjetunion geborener US-amerikanischer Romanautor und Professor für Kreatives Schreiben an der Columbia University, sagte The Guardian, seine Studierenden hätten empört reagiert, als ein Kommilitone angekündigt habe, KI beim Schreiben von Belletristik einsetzen zu wollen.
Shteyngart, bekannt für satirische Romane wie Super Sad True Love Story sowie seine Memoiren Little Failure, erklärte, die Reaktion spiegele eine tiefergehende Sorge um das Vertrauensverhältnis zwischen Autor und Leser wider.
„Das Lesen literarischer Fiktion ist diese unglaubliche vulkanische Gedankenverschmelzung mit einem anderen Menschen.“
Jennifer Egan, die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete US-amerikanische Romanautorin, die vor allem durch A Visit from the Goon Squad bekannt wurde, lehnt den Einsatz generativer KI in ihrem eigenen kreativen Schaffen ab. Ihrer Ansicht nach sollten Autoren ihr Handwerk weiterentwickeln, anstatt sich auf die Technologie zu verlassen.
Die britische Romanautorin Jeanette Winterson, Autorin von Oranges Are Not the Only Fruit und langjährige Kommentatorin zum Verhältnis von Technologie und Kunst, verfolgt dagegen einen offeneren Ansatz. Sie betrachtet KI als ein weiteres kreatives Werkzeug, ist jedoch überzeugt, dass sie menschliche Gefühle, gelebte Erfahrungen und emotionales Verständnis nicht ersetzen kann.
Peter Stockwell, Professor für literarische Linguistik an der University of Nottingham, vertritt einen ähnlichen Standpunkt aus einer anderen Perspektive. Er sagte The Guardian, KI könne klare und funktionale Texte verfassen, aber keine wirklich großen Geschichten erzählen.
„Wenn man etwas möchte, das sehr vertraut, sehr mittelmäßig und vollkommen funktional ist, dann ist sie darin erstaunlich gut.“
Quelle: The Guardian