Kanada steht wirtschaftlich unter Druck wie lange nicht. US-Zölle und politische Drohkulissen aus Washington treiben Ottawa dazu, nach zusätzlichen Märkten und Gesprächskanälen zu suchen. In Peking setzt Premierminister Mark Carney nun auf einen Neustart.
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Als Kanada im Jahr 2018 auf Ersuchen der USA die Huawei-Managerin Meng Wanzhou festnahm, markierte dies den Beginn einer tiefen Belastung der Beziehungen zu China.
Peking reagierte mit der Inhaftierung zweier Kanadier, Michael Kovrig und Michael Spavor. Nach der Freilassung aller drei Beteiligten im Jahr 2021 normalisierte sich das Verhältnis nur begrenzt.
In den darauffolgenden Jahren kam es erneut zu Spannungen, unter anderem durch gegenseitige Zölle und politische Differenzen, wie AP berichtet.
Vor diesem Hintergrund hat Kanadas Premierminister Mark Carney nun in Peking Gespräche mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping geführt. Es war der erste Besuch eines kanadischen Regierungschefs in China seit 2017 und ein Signal, dass Ottawa versucht, die festgefahrenen Beziehungen vorsichtig neu zu ordnen.
Annäherung unter veränderten Rahmenbedingungen
Wie The Guardian unter Berufung auf Agence France-Presse berichtet, stellte Carney die Gespräche ausdrücklich in den Kontext veränderter globaler Bedingungen. Kanada wolle frühere positive Elemente der bilateralen Beziehungen nutzen, um die Zusammenarbeit an heutige wirtschaftliche und politische Realitäten anzupassen.
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Dialog und Kooperation sollten dabei wieder eine tragendere Rolle spielen, insbesondere in Bereichen wie Landwirtschaft, Energie und Finanzdienstleistungen.
Xi Jinping bewertete die Entwicklung ebenfalls positiv. Nach Darstellung des Guardian verwies er auf das Treffen beider Politiker beim APEC-Gipfel im Oktober 2025, das einen Prozess eingeleitet habe, um die Beziehungen schrittweise zu stabilisieren. Eine verlässliche Zusammenarbeit liege im Interesse beider Länder.
US-Handelspolitik als zentraler Treiber
Der Zeitpunkt der Annäherung ist kein Zufall. Wie AP berichtet, reagiert Ottawa damit auch auf den zunehmenden wirtschaftlichen Druck aus Washington. US-Präsident Donald Trump hat hohe Zölle auf kanadische Produkte verhängt und Kanada öffentlich infrage gestellt.
Für Carney bedeutet dies, dass sich Kanada außenwirtschaftlich breiter aufstellen muss, ohne seine sicherheitspolitischen Bindungen an die USA infrage zu stellen.
Carney erklärte laut AP, Kanada wolle seine Abhängigkeit vom US-Markt verringern und neue Absatzmärkte erschließen. Ziel sei es, die Wirtschaft widerstandsfähiger zu machen und Risiken besser zu verteilen, nicht aber bestehende Allianzen aufzukündigen.
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Begrenzter wirtschaftlicher Spielraum
Die ökonomischen Ausgangsdaten setzen dieser Strategie jedoch enge Grenzen. Nach Angaben, auf die sich The Guardian beruft, gingen 2024 rund 75 Prozent der kanadischen Exporte in die USA. China war zwar der zweitgrößte Handelspartner, nahm aber weniger als vier Prozent der kanadischen Ausfuhren ab.
Gerade deshalb bleibt China für Ottawa politisch relevant: weniger als kurzfristiger Ersatzmarkt, sondern als strategische Option in einem fragmentierteren Welthandel. Die Gespräche zielen daher vor allem darauf ab, Handelshemmnisse schrittweise abzubauen und den Handlungsspielraum Kanadas zu erweitern, wie AP berichtet.
Vorsicht und innenpolitische Risiken
In China wurde Carneys Besuch im Vorfeld positiv begleitet. Außenamtssprecherin Mao Ning erklärte laut AP, man sehe die Reise als Gelegenheit, den zuletzt verbesserten Beziehungen mehr Substanz zu verleihen.
Zugleich ist Carneys Kurs innenpolitisch nicht unumstritten. Der außenpolitische Sprecher der Konservativen, Michael Chong, warf der Regierung laut AP vor, gegenüber Peking zu große Nachgiebigkeit zu zeigen. Unabhängig davon bleibt Kanada sicherheitspolitisch eng an die USA gebunden.
Der chinesische Politikwissenschaftler Zhu Feng sagte, wie AP berichtet, der Besuch eröffne zwar neue Spielräume, ändere aber nichts an Kanadas grundlegender strategischer Ausrichtung.
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Die Annäherung an China ist damit weniger ein politischer Richtungswechsel als ein Versuch, nach Jahren der Spannungen einen arbeitsfähigen Umgang zu finden – unter dem Druck globaler Handelskonflikte und mit begrenztem wirtschaftlichem Spielraum.
Quellen: AP, The Guardian