Unruhe breitet sich innerhalb der russischen Machtelite aus.
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Die öffentliche Loyalität gegenüber Wladimir Putin bleibt zwar bestehen, doch hinter verschlossenen Türen ist das Vertrauen geschwunden und die Erwartungen haben sich verschoben.
Nach Einschätzung einer russischen Ökonomin fühlt sich die Elite in einem starren System gefangen.
Da es keinen klaren Weg für Veränderungen von innen gibt, richten viele ihren Blick nun nach außen und hoffen auf einen dramatischen Bruch.
Wendepunkt
Alexandra Prokopenko, Forscherin am Carnegie Center in Berlin, beschrieb die Stimmung innerhalb der russischen Elite in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Sie sagte, der Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 habe einen entscheidenden Einschnitt markiert.
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„Vor dem Krieg galt Putin weitgehend als rationaler, wenn auch alternder Autokrat. Nach dem Beginn der umfassenden Invasion brach dieses Bild zusammen“, sagte Prokopenko und fügte hinzu, dass viele innerhalb der Elite inzwischen seinen Rückzug wünschen.
Sie betonte, dass dieses Bedürfnis nach einer Alternative zu Putin nicht nur unter Kriegsgegnern verbreitet sei.
Es finde sich auch bei jenen, die Russlands militärischen Kurs weiterhin unterstützen.
Schwindende Hoffnungen
Unzufriedenheit sei selbst in pro-kriegsnahen Kreisen spürbar, darunter Militärblogger, die dem Kreml laut dem Bericht „übermäßige Nachgiebigkeit“ auf dem Schlachtfeld vorwerfen.
Der Aufstand von Jewgeni Prigoschin im Jahr 2023 habe diese Stimmungen kurzzeitig gebündelt. Prokopenko sagte, „der Aufstand löste nicht Panik, sondern Hoffnung und sogar Begeisterung bei einigen Beamten aus“.
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In einem System ohne unabhängige Entscheidungsprozesse sei Prigoschin zum Symbol für die Möglichkeit eines plötzlichen Wandels geworden. Sein Tod habe diese Erwartungen jedoch zunichtegemacht.
Angst als Kitt
„Angst ist seither zu einem zentralen Element geworden, das das System zusammenhält“, argumentierte Prokopenko.
„Mitglieder der Elite verstehen, dass die Spielregeln nicht mehr existieren und dass frühere Verdienste oder Loyalität keinen Schutz bieten.“
Sie verwies auf den Fall des ehemaligen Wirtschaftsministers Alexei Uljukajew als Warnsignal. Die Botschaft sei eindeutig gewesen: Loyalität garantiere keine Sicherheit.
Infolgedessen fügten sich viele Eliten nach außen, während sie insgeheim auf eine äußere Kraft warteten, die die Lage „radikal verändert“.
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Verzerrte Realität
Prokopenko beschrieb den Kreml als einen geschlossenen Informationskreislauf, in dem die Realität zunehmend verzerrt werde.
Wirtschaftliche und militärische Daten, die Putin erreichten, würden gefiltert und geschönt.
Belohnt würden jene, die Vorgesetzten das sagten, was sie hören wollten. Schlechte Nachrichten würden unterdrückt, Selbsttäuschung gefördert.
Dies erkläre, so Prokopenko, warum Putin öffentlich von einem „boomenden Konsummarkt“ und der globalen Expansion russischer Unternehmen spreche, obwohl die Öleinnahmen sinken, die Reserven schrumpfen und die wirtschaftliche Stagnation sich vertieft.