Startseite Politik Europäische Länder drängen auf strengere Beschränkungen für russische Touristenvisa

Europäische Länder drängen auf strengere Beschränkungen für russische Touristenvisa

Russian passport
KELENY / Shutterstock.com

Mehrere Regierungen fordern strengere Einreiseregeln, da die Sicherheitsbedenken während des Krieges in der Ukraine zunehmen. Im Mittelpunkt des Streits steht die Frage, ob Reisebeschränkungen nicht nur sanktionierte Personen, sondern auch Zivilpersonen treffen sollten.

Eine Gruppe europäischer Länder drängt Brüssel dazu, russischen Touristen die Einreise in den Schengen-Raum zu erschweren. Ihrer Ansicht nach sollten Urlaubsreisen nicht einfach wie gewohnt weitergehen, solange Russlands Krieg gegen die Ukraine andauert.

Laut Euronews wird die Initiative von Schweden angeführt und von Tschechien, Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, den Niederlanden und Polen sowie von Island und Norwegen unterstützt.

Die elf Regierungen haben ein gemeinsames Schreiben an die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und den EU-Kommissar für Inneres Magnus Brunner geschickt. Darin fordern sie strengere und einheitlichere Visaregeln.

In dem Schreiben wird argumentiert, dass die uneinheitliche Anwendung der EU-Leitlinien die Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten schwäche, ungleiche wirtschaftliche Voraussetzungen schaffe und Europas Einflussmöglichkeiten gegenüber Moskau verringere. Die Unterzeichner warnen zudem, dass unterschiedliche nationale Praktiken Risiken innerhalb des grenzkontrollfreien Schengen-Raums verursachen könnten.

Der schwedische Migrationsminister Johan Forssell formulierte die Forderung vor dem Treffen der EU-Innenminister in Luxemburg in deutlichen Worten.

„Ich möchte keine weiteren Shopping-Wochenenden mehr sehen. Ich möchte keine luxuriösen Reisen nach Europa mehr, während Ukrainer auf dem Schlachtfeld sterben“, sagte er.

Große visaausstellende Länder im Fokus

Die Regierungen hinter dem Vorstoß verweisen auf die Visastatistiken als Beleg dafür, warum die Debatte neue Aufmerksamkeit verdient. Im Jahr 2025 stellten die Schengen-Staaten mehr als 470.000 Visa für russische Staatsangehörige aus, wie aus Zahlen hervorgeht, auf die sich Digi24 und The Moscow Times in der Diskussion beziehen.

Euronews berichtet, dass Frankreich im Jahr 2025 knapp 180.000 Visa an russische Staatsbürger ausstellte – die höchste Zahl in der EU. Italien folgte mit knapp 160.000 Visa, während Spanien nahezu 100.000 ausstellte.

Diese Länder zählen zugleich zu den größten Touristenzielen Europas und bearbeiten generell deutlich mehr Visaanträge als kleinere Mitgliedstaaten. Kritiker verschärfter Beschränkungen argumentieren daher, die Zahlen spiegelten eher die Größe der Länder wider als eine politisch nachgiebige Haltung gegenüber Moskau.

Befürworter neuer Einschränkungen sehen das anders. Sie fordern verbindliche Maßnahmen, eine engere Überwachung nationaler Praktiken, regelmäßige zusammengefasste Statistiken sowie einen klareren EU-Mechanismus, um ehemaligen russischen Kämpfern die Einreise zu verwehren.

Laut NL Times bezeichnete der niederländische Migrationsminister Bart van den Brink Schwedens Forderung als berechtigt und warnte davor, Tourismuseinnahmen höher zu bewerten als das politische Signal, das dadurch gesendet werde.

„Das mag für den jeweiligen Ort und dessen Tourismuswirtschaft durchaus vorteilhaft erscheinen. Aber auf diese Weise senden wir Russland weiterhin ein etwas widersprüchliches Signal“, sagte er.

Kritiker warnen vor möglichen Gegenwirkungen von Reiseverboten

Der Vorschlag hat Europa nicht geeint. Einige Länder argumentieren, das bestehende Sanktionssystem richte sich bereits gegen jene Russen, die die größte Verantwortung für den Krieg tragen, darunter Regierungsvertreter, Geschäftsleute und Personen aus dem Umfeld des Kremls.

Gegner weitergehender Beschränkungen warnen zudem, dass umfassende Maßnahmen eher Zivilpersonen als politische Entscheidungsträger treffen könnten. Einige Diplomaten vertreten die Ansicht, dass Reisen nach Europa Russen Zugang zu Informationen und politischen Perspektiven ermöglichen, die innerhalb Russlands schwerer zugänglich sind.

Diese Sorge wurde auch von Julija Nawalnaja, der Witwe des russischen Oppositionsführers Alexej Nawalny, geäußert. In einem Appell aus dem September 2025, auf den sich Digi24 und The Moscow Times beziehen, warnte sie, weitreichende Beschränkungen könnten dem Kreml dabei helfen, den Eindruck zu vermitteln, der Westen sei den Russen als Volk gegenüber feindlich eingestellt.

„Um den Frieden in Europa zu fördern, ist es kontraproduktiv, den russischen Behörden dabei zu helfen, die russische Gesellschaft zu isolieren“, schrieb sie.

Die Europäische Union hat ihre Visapolitik seit der großangelegten russischen Invasion der Ukraine im Jahr 2022 bereits verschärft, unter anderem durch die Aussetzung des Visaerleichterungsabkommens mit Moskau. Die Europäische Kommission hat zudem vorgeschlagen, Visa für mehrfache Einreisen für die meisten russischen Staatsbürger abzuschaffen oder deutlich einzuschränken. Als Begründung werden Sicherheitsrisiken und hybride Aktivitäten Russlands angeführt.

Brüssel hat die Frage noch nicht entschieden

Euronews zufolge führte die Diskussion in Luxemburg zu keinem formellen Beschluss. Das Thema wurde unter den Ministern angesprochen, stand jedoch nicht als eigener Tagesordnungspunkt auf der Agenda.

Die Koalition der elf Länder versucht nun, die Europäische Kommission und andere EU-Institutionen zu einem neuen Vorschlag zu bewegen. Ein strengeres System müsste Sicherheitsbedenken berücksichtigen und gleichzeitig rechtliche Widersprüche zwischen den Mitgliedstaaten vermeiden.

Forssell und seine Verbündeten betonen, dass die aktuelle Situation nicht fortbestehen könne. Kritiker entgegnen hingegen, dass eine Isolierung der russischen Gesellschaft eher Moskaus Narrativ als den Interessen Europas dienen könnte.

Vorerst bleibt der Streit ungelöst.

Quellen: Euronews, Digi24, NL Times, The Moscow Times