In vielen Ländern schwinden traditionelle politische Bindungen, während Anti-Establishment-Parteien an Einfluss gewinnen. Der Wandel zeigt sich bei Wahlen, Koalitionsverhandlungen und Debatten über die nationale Ausrichtung.
Die Unterstützung für rechtsextreme Parteien in Europa ist auf mehr als 23 Prozent gestiegen, wie aus Daten von PopuList hervorgeht, die von The Guardian zitiert werden. Damit wurde der höchste Wert erreicht, den das Projekt in 31 Ländern bislang erfasst hat.
Die Zahlen zeigen einen langfristigen Anstieg. Im Jahr 1995 lag der Anteil bei etwa 5 Prozent. Vor zehn Jahren waren es rund 10 Prozent. Anti-Establishment-Parteien ziehen inzwischen insgesamt fast 30 Prozent der Wähler an.
Regierungsbildungen sehen heute anders aus
Die Zahlen sind bedeutsam, weil diese Parteien in ihren jeweiligen Ländern längst keine Randerscheinungen mehr sind.
Ihre Stimmenanteile können darüber entscheiden, ob Regierungen gebildet werden, wer Koalitionen eingeht und wie scharf etablierte Parteien über Einwanderung, Grenzen und nationale Identität sprechen.
In Frankreich erreichte das Rassemblement National 37 Prozent und wurde zur stärksten Einzelpartei im Parlament. Die Freiheitliche Partei Österreichs kam auf 29 Prozent, während Portugals Chega auf 18 Prozent zulegte.
Die deutsche Alternative für Deutschland verdoppelte ihr Ergebnis im Jahr 2025 auf 21 Prozent und wurde zweitstärkste Kraft.
Im Vereinigten Königreich stieg Reform UK von 2 Prozent als Brexit Party im Jahr 2019 auf 14 Prozent im Jahr 2024. The Guardian schreibt, dass Reform die Bezeichnung „rechtsextrem“ in der Vergangenheit zurückgewiesen hat.
Rückschläge haben den Trend nicht umgekehrt
Der Aufstieg verlief nicht überall gleich. Die Partei für die Freiheit von Geert Wilders verlor in den Niederlanden an Unterstützung, und Viktor Orbáns Fidesz wurde in Ungarn von einem Herausforderer aus dem Mitte-rechts-Lager geschlagen.
Dennoch zeigen die Daten, dass der allgemeine Trend in Europa weiterhin nach oben weist.
Rechtspopulistische Parteien sind an Regierungskoalitionen in Kroatien, Tschechien, Italien und Finnland beteiligt und stützen die rechte Minderheitsregierung in Schweden.
Matthijs Rooduijn, Politikwissenschaftler an der Universität Amsterdam und Leiter der Studie, sagte, dass sich dieser Wandel über Jahrzehnte hinweg entwickelt habe. Er führte die wachsende Akzeptanz dieser Parteien auch auf wiederholte Wahlerfolge und schärfere politische Botschaften zurück.
Juristische Auseinandersetzungen um politische Einordnungen
PopuList stuft rechtsextreme Parteien vor allem anhand von Nativismus und Autoritarismus ein. Dazu gehören politische Positionen, die auf eine einheimische Identität fokussiert sind, Feindseligkeit gegenüber wahrgenommenen Außenseitern, eine starke Autorität und harte Law-and-Order-Positionen.
Einige Parteien haben diese Einstufungen vor Gericht angefochten.
In Frankreich wies ein oberstes Gericht die Anfechtung des Rassemblement National gegen die Bezeichnung „rechtsextrem“ zurück und erklärte, die Einordnung sei durch Ideologie, Rhetorik und politisches Programm der Partei gerechtfertigt.
In Deutschland haben Gerichte die Einstufung der AfD als „rechtsextremistischer Verdachtsfall“ bestätigt, während die weitere Prüfung andauert.
In Belgien scheiterte die Anfechtung des Vlaams Blok, nachdem Gerichte ein Urteil im Zusammenhang mit Rassismusvorwürfen bestätigt hatten. Daraufhin trat die Partei unter dem Namen Vlaams Belang neu auf.
Die Datenbank führt inzwischen 133 rechtsextreme Parteien in Europa auf, verglichen mit 112 im Jahr 2003. Die meisten von ihnen werden zudem als populistisch eingestuft.
Die Forscher warnen, dass die Entwicklung über bloße Wahlmuster hinausgeht. Rooduijn sagte gegenüber The Guardian:
„Das ist wichtig. Die Erfahrungen von Ländern wie Ungarn, Polen und den USA zeigen, dass die Demokratie selbst unter Druck geraten kann, wenn rechtspopulistische Parteien an die Macht kommen.“
Für die europäischen Regierungen besteht die nächste Herausforderung darin, ob Institutionen, die auf Kompromissen aufgebaut sind, einer zunehmend fragmentierten politischen Landschaft standhalten können.
Quellen: The Guardian, PopuList