Ein früher auf Samoa gedrehter Film rückt erneut in den Fokus, während Disney auf denselben Namen zurückgreift. Die Geschichte verbindet Stummfilm, inszenierten Dokumentarfilm und veränderte Maßstäbe für kulturelle Beratung.
Lange vor Disneys neuer Realverfilmung und dem Animationsfilm Vaiana von 2016 – dessen Originaltitel Moana lautet – trug bereits ein Stummfilm aus dem Jahr 1926 den Titel Moana. Der Film wurde auf Samoa vom amerikanischen Regisseur Robert Flaherty gedreht. Laut The Guardian erzählt er die Geschichte eines jungen Samoaners und zeigt Szenen aus dem Dorfleben – doch vieles von dem, was auf der Leinwand zu sehen ist, war inszeniert.
Das ist deshalb bedeutsam, weil Moana später dazu beitrug, den Dokumentarfilm als Genre zu prägen. Die Reaktion des Filmkritikers John Grierson auf den Film trug dazu bei, den Begriff „Dokumentarfilm“ populär zu machen. Dadurch erhielt Flahertys Werk einen festen Platz in der Filmgeschichte, obwohl seine Authentizität weiterhin umstritten blieb.
Dr. Dionne Fonoti, Dozentin an der National University of Samoa, sagte dem Guardian, dass einige der im Film gezeigten Bräuche und Kleidungsstücke das alltägliche Leben auf Samoa in den 1920er-Jahren nicht mehr widerspiegelten. Flaherty und seine lokalen Mitarbeiter dokumentierten also nicht einfach die Gegenwart, sondern stellten ältere Traditionen nach.
Der Filmhistoriker Bruce Posner, der die Restaurierung des Films leitete, beschrieb Flaherty eher als poetischen Filmemacher denn als strengen Dokumentarfilmer. Diese Sichtweise erklärt, warum Moana zugleich als Meilenstein gilt und dennoch Fragen zu Inszenierung, Auswahl und äußerer Kontrolle aufwirft.
Disney arbeitete unter genauerer Beobachtung
Die modernen Moana-Filme entstanden unter anderen Erwartungen. Frühere Hollywoodproduktionen griffen häufig auf indigene und nichtwestliche Kulturen zurück, ohne diese ausreichend einzubeziehen. Dabei wurden komplexe Gesellschaften mitunter auf Kostüme, Lieder oder stereotype komische Figuren reduziert.
Für Moana verfolgte Disney einen strukturierteren Ansatz. Laut Vanity Fair gründete die Walt Disney Company nach Recherchereisen im Pazifik den Oceanic Cultural Trust. Dort berieten Kulturexperten, Historiker, traditionelle Navigatoren, Linguisten und Künstler über Details wie Kleidung, Handlungselemente und Mythologie.
Diese Entscheidungen betreffen weit mehr als nur das Produktionsdesign. Eine Tätowierung, ein Gesang, ein Kanu, familiäre Beziehungen oder traditionelle Navigationspraktiken können für die dargestellten Gemeinschaften eine besondere Bedeutung haben. Beratung verhindert nicht jede Kritik, gibt diesen Gemeinschaften jedoch die Möglichkeit, mitzugestalten, wie sie einem weltweiten Publikum präsentiert werden.
Fonoti, die Disney bei der Moana-Reihe beraten hat, sagte dem Guardian, dass die Menschen der Pazifikinseln sich von bloßen Objekten des frühen westlichen Kinos zu aktiven Mitwirkenden moderner Produktionen entwickelt hätten.
Posner ist weiterhin überzeugt, dass der Stummfilm Moana Disneys spätere Version beeinflusst hat. Ob dieser Zusammenhang nun direkt besteht oder nicht – beide Filme zeigen einen deutlichen Wandel: Geschichten aus dem Pazifik werden nicht mehr ausschließlich von Außenstehenden erzählt, sondern zunehmend unter Mitwirkung pazifischer Stimmen gestaltet.
Quellen: The Guardian, Vanity Fair