Manche Orte liefern spektakuläre Messwerte, passen aber nicht in gängige Tabellen. Hoch in den bayerischen Alpen gibt es einen solchen Fall, der Fachleute seit Jahren beschäftigt und zeigt, wo die Grenzen meteorologischer Vergleiche liegen.
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Für Wetterdienste zählen nicht nur Zahlen, sondern auch ihre Einordnung. Messstationen sollen Bedingungen abbilden, die übertragbar sind. Genau daran scheitert der Funtensee aus Sicht des Deutschen Wetterdienstes.
DWD-Meteorologe Tobias Reinartz ordnet den Standort als wissenschaftlich interessant, aber statistisch ungeeignet ein, wie Welt unter Berufung auf dpa berichtet. Solche Extrempunkte zeigten physikalische Prozesse besonders deutlich, eigneten sich jedoch nicht als Referenz für Deutschland insgesamt.
Einordnen statt auflisten
Bekannt wurde der Funtensee durch außergewöhnlich niedrige Temperaturen zu Beginn der 2000er-Jahre. Messungen lagen damals bei rund minus 46 Grad Celsius und sorgten bundesweit für Aufmerksamkeit.
Reinartz erklärte, dass bei solchen Extremwerten schon minimale Unterschiede im Gelände große Auswirkungen haben können. Für die klimatologische Bewertung seien deshalb weniger die exakten Dezimalstellen entscheidend als die grundsätzlichen Bedingungen vor Ort.
Landschaft als Faktor
Der See liegt auf etwa 1.600 Metern Höhe in einem abgeschlossenen Hochbecken der Berchtesgadener Alpen. Durch das Karstgestein fehlt ein oberirdischer Abfluss, das Gelände wirkt wie eine Sackgasse für Luftmassen.
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Nachts sinkt kalte Luft von den umliegenden Hängen ab und verbleibt im Becken. Der Raum funktioniert damit eher wie ein Kältereservoir als wie ein klassisches Alpental.
Physik der Kälte
Besonders tiefe Temperaturen entstehen nur, wenn mehrere Faktoren zusammentreffen. Klarer Himmel ermöglicht starke Abstrahlung, Windstille verhindert Durchmischung, Schnee blockiert aufsteigende Bodenwärme.
In dieser Konstellation verstärkt sich die Abkühlung Schritt für Schritt. Solche Prozesse sind nicht einzigartig, lassen sich am Funtensee jedoch besonders gut beobachten.
Natur ohne Einigkeit
Auch die Vegetation spiegelt die Sonderrolle des Ortes wider. Direkt am See fehlen Bäume, weiter oben setzt wieder Wald ein. Über die Ursachen gibt es unterschiedliche Einschätzungen.
Ein Teil der Forschung verweist auf historische Almwirtschaft, ein anderer auf die wiederkehrende extreme Kälte. Wie Welt berichtet, sieht Ranger Josef Egger vom Nationalpark Berchtesgaden Hinweise darauf, dass der Kessel schon früh baumfrei war. Ein eindeutiger Beweis fehlt.
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Der offizielle Vergleich
In den Statistiken bleibt Wolnzach-Hüll in Oberbayern der kälteste anerkannte Ort Deutschlands. Dort wurden 1929 minus 37,8 Grad gemessen. Werte unter minus 30 Grad seien, so Reinartz, auch heute außergewöhnlich.
Der Funtensee steht damit stellvertretend für eine Kategorie von Extremstandorten, die weniger Ranglisten bedienen als das Verständnis von Klima und Gelände vertiefen.
Quelle: Welt