Manchmal verschwindet eine blühende Gemeinschaft im Handumdrehen und hinterlässt nur verbrannte Erde. Jahrhundertelang gehen Menschen an leeren Feldern vorbei, ohne zu wissen, was unter ihren Füßen verborgen liegt. Wenn der Boden endlich seine Geheimnisse preisgibt, können die Funde alles verändern, was wir zu wissen glauben.
Haithabu war eine Siedlung im südlichen Dänemark, die 350 Jahre lang das wichtigste Zentrum des nordischen Handels bildete. Kaufleute reisten von weit her an, um am Wasser Waren zu tauschen. Die Stadt lag an einem Fjord und wurde von einem massiven halbrunden Wall geschützt.
Doch dieser Schutz reichte nicht aus. Laut Historienet entdeckten Forscher an der Stätte eine dicke Schicht verbrannter Erde. Der dunkle Boden erzählt eine brutale Geschichte von Feuer und endgültigem Untergang.
Die archäologischen Befunde stimmen mit den historischen Überlieferungen überein. Sowohl die isländischen Sagas als auch der deutsche Mönch Adam von Bremen berichteten von heftigen Angriffen auf die Stadt.
Museumsdirektor Matthias Toplak vom Wikingermuseum Haithabu in Busdorf bei Schleswig erklärte, dass diese Angriffe in den Jahren 1050 und 1066 stattfanden. „Archäologen haben bestätigt, dass die Stadt Mitte des 11. Jahrhunderts zerstört wurde“, sagte Toplak gegenüber Historienet. Nach dem zweiten Angriff gaben die Einwohner jede Hoffnung auf einen Wiederaufbau auf.
Neuanfang in der Nähe
Die Überlebenden packten das Wenige zusammen, was ihnen geblieben war. Sie verließen die zerstörte Siedlung und suchten nach einem sichereren Ort, den sie ihr Zuhause nennen konnten.
Sie fanden ihn auf der anderen Seite des Wassers. Die Flüchtlinge zogen an das Nordufer der Schlei. Dort legten sie den Grundstein für eine neue Siedlung.
Aus dieser neuen Siedlung entstand die heutige Stadt Schleswig. Die Bewohner entwickelten ihre Bauweise weiter und passten sie den Anforderungen des Mittelalters an. Sie ersetzten Holzwände durch stabile Steinhäuser, errichteten einen königlichen Palast und bauten eine Kirche im Stadtzentrum.
Haithabu war nicht der einzige Handelsplatz der Wikinger, der aufgegeben wurde. Auch andere wichtige Handelszentren wie Birka und Kaupang wurden verlassen und durch Sigtuna beziehungsweise Oslo ersetzt.
Orte wie Ribe bildeten Ausnahmen und blieben an ihrem ursprünglichen Standort bestehen. Ribe ist die älteste Stadt Dänemarks und hat heute 8.400 Einwohner.
Ein glücklicher Umstand
Da Haithabu vollständig aufgegeben wurde, entstand dort später keine neue Bebauung. Diese historische Besonderheit erwies sich als großer Glücksfall. Ein Archäologe entdeckte die vergessene Stätte Ende des 19. Jahrhunderts wieder.
Seitdem haben Archäologen Hunderttausende Gegenstände aus der Erde geborgen. Die Siedlung liegt auf einer feuchten Bodenschicht. Der feuchte Boden konservierte organische Materialien, die normalerweise verrotten würden, außergewöhnlich gut.
Leder, Textilien und Holz blieben tausend Jahre lang im Schlamm erhalten. Toplak betonte, wie selten und wertvoll dieser außergewöhnliche Erhaltungszustand sei. „Haithabu war unser Schlüssel zum Verständnis des Alltags in der Wikingerzeit“, sagte er.
Dank dieser Funde konnten Experten Wikingerhäuser mit großer Genauigkeit rekonstruieren. Lediglich die Konstruktion der Dächer gibt noch einige Rätsel auf.
Birgt noch Geheimnisse
Trotz jahrzehntelanger Forschungsarbeit hat die Stätte längst nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben. Erst knapp fünf Prozent der Fläche innerhalb des alten halbrunden Walls wurden ausgegraben.
Die Forscher wissen jedoch, wie der Rest der Stadt aufgebaut war. Sie untersuchten das gesamte Gebiet mithilfe geomagnetischer Messungen. Dadurch konnten sie die verborgenen Straßen kartieren, ohne einen einzigen Spatenstich zu machen.
Die Messungen zeigten, dass mehr als 90 Prozent von Haithabu noch unberührt im Boden liegen. Da die Stätte heute als UNESCO-Welterbe geschützt ist, sind keine weiteren größeren Ausgrabungen geplant.
Dennoch hofft Toplak auf eine ganz bestimmte Entdeckung. „Besonders gespannt bin ich, ob wir eines Tages die erste Kirche des Missionars Ansgar finden können, die um 850 n. Chr. gebaut wurde“, sagte er gegenüber Historienet.