Lange bevor das Dritte Reich durch Europa marschierte, war Deutschland von Erzählungen über ferne Grenzgebiete und heroische Eroberungen fasziniert. Einer der ergebensten Leser des Regimes war zwischen diesen Seiten aufgewachsen.
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Als Adolf Hitler am 1. September 1939 in Polen einmarschierte, stellte er den Krieg als historische Notwendigkeit dar. Innerhalb weniger Wochen begannen die deutschen Behörden, jüdische Gemeinden in Ghettos abzuriegeln. Deportationen und industrialisierter Massenmord folgten. Die nationalsozialistische Ideologie rechtfertigte Expansion unter dem Banner des „Lebensraums“ und präsentierte Eroberung als Schicksal statt als Aggression.
Die intellektuellen und politischen Wurzeln des Nationalsozialismus sind gut dokumentiert. Seltener untersucht wird die Rolle der Populärliteratur bei der Prägung der Vorstellungswelt seines Anführers. Einer von Hitlers Lieblingsautoren war Karl May, der Abenteuerschriftsteller des 19. Jahrhunderts, dessen Wildwestromane laut All That’s Interesting Deutschlands romantisches Bild von Nordamerika mitprägten.
Deutschlands erfundene Grenze
Bis zum späten 19. Jahrhundert hatte sich in Deutschland entwickelt, was Wissenschaftler als „Indianertümelei“ bezeichnen – ein Begriff, der 1985 von Hartmut Lutz, einem Forscher für deutsch-indigene Beziehungen, geprägt wurde, um die langjährige Faszination des Landes für ein stilisiertes Bild der nordamerikanischen Indigenen zu beschreiben. Karl May (1842–1912) war zentral für dieses Phänomen.
Mays Werke wurden schätzungsweise 200 Millionen Mal verkauft. Zu seinen bekanntesten Titeln zählen Winnetou I–III (1893) und Der Schatz im Silbersee (1891), Abenteuerromane, erzählt vom deutschen Grenzgänger Old Shatterhand an der Seite des Apachenhäuptlings Winnetou. Er verfasste auch den populären „Orientzyklus“, in dem sein Alter Ego Kara Ben Nemsi durch das Osmanische Reich reist.
Mays Bücher gehörten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zur festen Ausstattung vieler bürgerlicher deutscher Haushalte.
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Biografische Aufzeichnungen zeigen, dass Mays Autorität als Reiseschriftsteller weitgehend konstruiert war. Nordamerika besuchte er erst 1908, Jahrzehnte nach der Veröffentlichung seiner Westernromane.
Früher im Leben hatte er in den 1860er-Jahren und zu Beginn der 1870er-Jahre mehrere Jahre im Gefängnis verbracht – wegen Betrugs und Hochstapelei –, bevor er sich 1874 als Schriftsteller neu etablierte. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms verwischte er die Grenzen zwischen Fiktion und Identität und trat mitunter gesellschaftlich als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi auf.
Spät in seiner Karriere veränderte sich der Ton seiner Werke. Bücher wie Und Friede auf Erden! („Und Friede auf Erden!“ – 1904) und seine Autobiografie Mein Leben und Streben („Mein Leben und Streben“ – 1910) spiegeln eine stärker allegorische und pazifistische Haltung wider – eine Wendung, die in der Literaturwissenschaft hervorgehoben wird.
Die Grenzromane selbst verbanden jedoch Bewunderung für indigene Figuren mit einer klaren Hierarchie. Winnetou ist edel und mutig, doch der deutsche Erzähler bleibt technologisch und moralisch zentral. Expansion wird häufig als tragisch, aber unausweichlich dargestellt.
Diese Vorstellungswelt erwies sich als langlebig. In den 1960er-Jahren wurden eine Reihe von Karl-May-Verfilmungen zu großen Kassenerfolgen in Westdeutschland und festigten Winnetous Platz in der Populärkultur Jahrzehnte nach Mays Tod.
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Hitler als Leser
Adolf Hitler war einer von Mays vielen Lesern. Biografen und Historikern zur nationalsozialistischen Kultur zufolge bewunderte Hitler Mays Bücher seit seiner Kindheit und hielt sie gut sichtbar in seiner Privatbibliothek. Berichten zufolge empfahl er sie Militärangehörigen und ließ Sonderausgaben an Soldaten verteilen.
Albert Speer, Hitlers Architekt und späterer Rüstungsminister, schrieb in Erinnerungen, dass „er in scheinbar ausweglosen Situationen immer wieder zu diesen Geschichten griff“, weil sie Hitler Mut verliehen – „wie philosophische Werke für andere oder die Bibel für ältere Menschen“.
Speers Erinnerung wird in der Sekundärliteratur häufig zitiert, doch Historiker mahnen, seine Memoiren kritisch zu lesen; sie belegen keinen direkten ideologischen Einfluss.
Die Belege für einen unmittelbaren politischen Einfluss sind gering. Mays Romane wurden im gesamten deutschsprachigen Europa breit gelesen. Hitler war jedoch ein extremer Ausnahmefall, nicht der typische Leser. Dennoch hat die Überschneidung zwischen Grenzmythos und nationalsozialistischer Rhetorik anhaltende Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Dokumentierte Fakten – und Interpretation
Karl May war ein Bestsellerautor von Abenteuerromanen, Hitler bewunderte sein Werk, und nationalsozialistische Kulturinstitutionen verbreiteten Mays Bücher weiterhin.
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Die interpretative Frage ist enger gefasst. Kulturhistoriker haben argumentiert, dass Grenzmythen Hierarchien und als schicksalhaft dargestellte Gewalt normalisieren können. In Mays fiktiver Welt bewegen sich europäisch codierte Helden durch umkämpfte Landschaften, in denen indigene Völker häufig als bewundernswert, aber dem Verschwinden geweiht dargestellt werden. Gewalt erscheint als Teil einer historischen Dynamik. Vereinfacht gesagt: Die Starken rücken vor, und andere werden verdrängt.
Es gibt keine Belege dafür, dass die Romane politische Entscheidungen diktierten. Doch sie gehörten zu jenem Vorstellungsraum, in dem einer ihrer Leser später handelte.
Quellen: All That’s Interesting; Albert Speer – Erinnerungen