Ein angespannter Wortwechsel zu Hause kann mehr verraten als nur schlechte Laune. Ein neues Buch argumentiert, dass das, was nach einem Konflikt passiert, ein Kind genauso prägen kann wie der Konflikt selbst.
Ein Kind beginnt zu reden, während das Abendessen anbrennt, E-Mails warten oder die Geduld eines Elternteils ohnehin schon am Ende ist. Die Antwort fällt kühl oder scharf aus.
In einem Interview mit Emine Saner vom Guardian sagt die Psychologin und Autorin Lindsay C. Gibson, dass diese alltäglichen Momente Spuren hinterlassen können – besonders dann, wenn Erwachsene nie wieder darauf zurückkommen.
Ihr früheres Buch Adult Children of Emotionally Immature Parents wurde während der Pandemie viel diskutiert. Ihr neuestes Werk, How to Raise an Emotionally Mature Child, erschien am 21. Mai.
Das Kind wahrnehmen
Das Buch richtet sich an Eltern, die Verhaltensmuster aus ihrer eigenen Kindheit wiedererkennen und verhindern möchten, diese weiterzugeben.
Für Gibson beginnt alles damit, sich bewusst zu machen, dass ein Kind Scham, Zurückweisung und Verlegenheit empfinden kann, auch wenn ihm die Worte fehlen, dies auszudrücken.
„Sie sind sensibel und empfindsam; sie fühlen Dinge genauso intensiv wie Erwachsene“, sagte sie dem Guardian.
Die Lösung besteht laut Gibson nicht in ständiger Geduld oder fehlerlosem Verhalten. Entscheidend sei die Bereitschaft, nach einem Fehler wieder auf das Kind zuzugehen.
Ein Elternteil, das die Beherrschung verliert, kann später dennoch sagen, dass die Reaktion unfair war. Das ist wichtig, weil ein Kind sonst möglicherweise glaubt, das Problem liege nicht am Stress der Erwachsenen, sondern an ihm selbst.
Gibson erzählte, dass sie sich bei ihrem eigenen Sohn entschuldigt habe, bevor er zur Universität ging, und ihm sagte, sie sei manchmal zu streng mit ihm gewesen.
Regeln ohne Härte
Dieser Ansatz bedeutet nicht, Kinder tun zu lassen, was sie wollen. Grenzen bleiben wichtig.
Der Unterschied liegt darin, wie Eltern diese vermitteln. Ein Teenager mag bei einer Erklärung die Augen verdrehen, doch ein ruhiges und sachliches „Nein“ kann mehr lehren als Schreien oder Demütigung.
„Wenn Ihr Kind zurückkommen und sich entschuldigen kann, ist es bereits auf dem besten Weg zu emotionaler Reife“, sagte Gibson.
Gibsons Konzept ist keine klinische Diagnose. Der Guardian weist darauf hin, dass Kritiker die Idee für zu weit gefasst halten und befürchten, Leser könnten normale menschliche Schwächen als krankhaft ansehen.
Trotz dieser Einwände hat die Idee bei Erwachsenen Anklang gefunden, die ihre Kinder anders erziehen möchten, als sie selbst erzogen wurden.
Ihre zentrale Botschaft lautet, dass emotionale Entwicklung weiterhin möglich ist. Manchmal beginnt sie damit, den Gesichtsausdruck eines Kindes nach einem verletzenden Wort wahrzunehmen – und sich dann bewusst dafür zu entscheiden, noch einmal auf das Kind zuzugehen.
Quelle: The Guardian, Lindsay C. Gibson – Adult Children of Emotionally Immature Parents