Startseite Gesundheit Samenspender-Skandal offenbart Kontrolllücken in Europa – Kinder mit Krebsdiagnosen

Samenspender-Skandal offenbart Kontrolllücken in Europa – Kinder mit Krebsdiagnosen

Sæd, sperm, semen
Tepikina Nastya/Shutterstock

Schon länger warnen Fachleute davor, dass Europas Fertilitätsbranche stärker wächst als ihre Regulierung. Recherchen mehrerer öffentlich-rechtlicher Sender zeigen nun, wie weitreichend die Folgen ausfallen können: Ein einziger dänischer Spender wurde über viele Jahre hinweg in Dutzenden Kliniken eingesetzt, ohne dass ein Gesamtüberblick bestand.

Gerade lesen andere

Nach Angaben des EBU Investigative Journalism Network, das die europaweite Recherche koordinierte, gelangten die Spenderproben des Mannes an 67 Kliniken in 14 Ländern. Mindestens 197 Kinder wurden so gezeugt – eine Zahl, die noch steigen könnte, da Behörden in einigen Staaten ihre Daten erst aufbereiten.

Familien im Ungewissen

Erst nach mehreren Meldungen über an Krebs erkrankte Kinder – laut DR mindestens zehn bestätigte Erkrankungen – erkannten Fachleute den gemeinsamen Ursprung. Die dänische Samenbank European Sperm Bank erklärte, sie habe die Mutation zunächst nicht nachweisen können, weil sie nur in einem Teil der Samenzellen auftrete.

Die schwedische Medizinerin Svetlana Lagercrantz sagte der Dänischen Rundfunkanstalt, dass manche Familien nie informiert wurden, wie DW berichtet. Einige erfuhren erst durch Medienberichte, dass ihre Kinder ein erhöhtes Krebsrisiko tragen könnten. Für Betroffene bedeutet das regelmäßige Kontrollen und die psychische Belastung ständiger Unsicherheit.

Ein Schockanruf aus Belgien

Ein persönliches Beispiel verdeutlicht die Dimension im Alltag der Familien. Eine französische Mutter, deren Geschichte DW dokumentierte, wurde Jahre nach der Geburt ihrer Tochter von einer belgischen Klinik angerufen. Man teilte ihr mit, es sei „dringend“, das Mädchen auf die TP53-Mutation zu testen.

Die Mutter sagt heute, sie hege „absolut keinen Groll“ gegen den Spender, der selbst keine Symptome zeigt. Doch die Verantwortung, ihrem Kind möglicherweise eine lebensgefährliche genetische Veranlagung gegeben zu haben, empfinde sie als „sehr, sehr schwer“.

Lesen Sie auch

Belgien als Fallstudie

Der dänische Sender DR berichtete zusätzlich, dass allein in Belgien 37 Frauen mit dem Samen des Mannes behandelt wurden – mit 52 Kindern, obwohl dort seit 2007 nur sechs Familien pro Spender erlaubt sind. Die belgische Behörde FAMHP bestätigte diese Verstöße und verwies darauf, dass ein nationales Register erst seit 2024 existiere.

Einzelne Kliniken hätten die gesetzlichen Grenzen jeweils eingehalten, aber nicht miteinander abgeglichen. Das Beispiel zeigt, wie nationale Kontrollsysteme auseinanderfallen können, wenn Spenderproben international gehandelt werden.

Europas Babyindustrie unter Druck

Laut EBU-Recherche wächst der Fertilitätsmarkt rasant. Zugleich variieren Regeln, Meldepflichten und Familienobergrenzen stark nach Land, wie DW berichtet. In einer Stellungnahme an die beteiligten Medien räumt die European Sperm Bank ein, dass Grenzwerte „in einigen Ländern“ überschritten worden seien – dies begründe man mit späten Rückmeldungen von Kliniken und grenzüberschreitenden Behandlungen.

Ethikräte in Nordeuropa warnen laut DR, dass ohne verbindliche Register unklar bleibt, wie viele Nachkommen ein einzelner Spender tatsächlich hat. Die aktuelle Recherche verleiht dieser Debatte neue Dringlichkeit.

Quellen: DR, DW, EBU Investigative Journalism Network

Lesen Sie auch