Im Mittelpunkt des Falls standen Vorwürfe, dass ein Online-Händler vor dem Versand eines Waffenbausatzes weder eine Alters- noch eine Hintergrundüberprüfung durchgeführt habe. Ein Gericht hatte das Unternehmen bereits für haftbar erklärt, bevor die Geschworenen über die Höhe des Schadenersatzes entschieden.
Eine Jury im US-Bundesstaat Kentucky hat der Familie von Henry Willis, einem 18-Jährigen, der durch Suizid starb, nachdem er einen online bestellten Pistolenbausatz gekauft und zusammengebaut hatte, 104,2 Millionen US-Dollar Schadenersatz zugesprochen.
Die Geschworenen verurteilten Husky Armory zur Zahlung von 4,2 Millionen US-Dollar als Ersatz für wirtschaftliche Schäden sowie von 100 Millionen US-Dollar Strafschadenersatz. Everytown Law, das die Familie vertrat, erklärte laut Associated Press, es handele sich um das höchste Urteil, das jemals gegen einen Waffenhändler ergangen sei.
Das in Omaha ansässige Unternehmen, das Cody Yurk gehört, reagierte nicht auf die Klage wegen widerrechtlicher Tötung. Ein Staatsgericht in Louisville erließ deshalb bereits vor dem zweitägigen Prozess ein Versäumnisurteil gegen das Unternehmen.
Damit mussten die Geschworenen lediglich über die Höhe des Schadenersatzes entscheiden und nicht erneut über die Haftungsfrage befinden. Husky Armory nahm nicht an dem Verfahren teil, und Anfragen an das Unternehmen sowie an Yurk blieben unbeantwortet.
Familie wirft Unternehmen Missachtung vorgeschriebener Kontrollen vor
Willis kaufte 2023 über die Website des Unternehmens einen Bausatz für eine Pistole im Stil einer Glock G19. Seine Familie warf Husky Armory vor, den Verkauf abgeschlossen zu haben, ohne die gesetzlich vorgeschriebene Hintergrundüberprüfung durchzuführen oder zu überprüfen, ob der Käufer das erforderliche Mindestalter erreicht hatte.
Solche Bausätze enthalten Bauteile, aus denen funktionsfähige Schusswaffen zusammengesetzt werden können. Sie werden häufig mit sogenannten Ghost Guns in Verbindung gebracht – Waffen, die sich schwerer zurückverfolgen lassen, wenn sie keine Seriennummer tragen.
Der Klageschrift zufolge baute Willis die Pistole in der Garage seiner Familie zusammen und sagte seinem Vater, er montiere ein Transistorradio. Sechs Tage nach der Fertigstellung der Waffe nahm er sich damit das Leben.
Den Gerichtsunterlagen zufolge wurde das Paket auf der Website mit den Worten beworben, es enthalte „alles, was Sie brauchen, um bequem von zu Hause aus Ihre eigene Pistole im Glock-Stil zu bauen“. In der Klage wird außerdem behauptet, das Unternehmen habe den Zusammenbau als so einfach dargestellt, dass ihn nahezu jeder durchführen könne.
Urteil verstärkt regulatorische Prüfung
Nach den US-Bundesvorschriften müssen Ghost-Gun-Bausätze, die unter die Regelung fallen, mit Seriennummern versehen sein. Außerdem sind Verkäufer verpflichtet, Hintergrundüberprüfungen durchzuführen und das Alter der Käufer zu überprüfen. Der Oberste Gerichtshof der USA bestätigte die entsprechende Regelung der Biden-Regierung im Jahr 2025.
Willis’ Mutter, Laura Herp, erklärte, ihr Sohn habe vor seinem Tod mit psychischen Problemen zu kämpfen gehabt. Sie beschrieb ihn als „freundliches, sanftes Kind“.
„Ein Kind in einer Krise sollte niemals Zugang zu einer tödlichen Waffe haben“, sagte Herp.
Die Anwältin Dana Mulhauser von Everytown Law erklärte, die hohe Schadenersatzsumme solle Unternehmen, denen vorgeworfen werde, Kontrollen zu umgehen, die Minderjährige oder gesetzlich vom Waffenerwerb ausgeschlossene Personen vom Zugang zu Schusswaffen abhalten sollen, als Warnung dienen.
In den Vereinigten Staaten können Menschen in einer psychischen Krise die Krisenhotline 988 telefonisch oder per SMS erreichen. Außerhalb der USA finden sich lokale Krisenhilfsangebote über die International Association for Suicide Prevention.
Quelle: Associated Press.