Russlands weitreichende neue Beschränkungen für drogenbezogene Inhalte dringen nun in unerwartetes Terrain vor.
Werke, die lange als Säulen der nationalen Kultur galten, geraten in das Visier des Vorgehens.
Klassiker gekennzeichnet
Laut dem exilierten Medium Vyorstka, zitiert von der Moscow Times, haben russische E-Book-Plattformen und Online-Händler begonnen, Warnhinweise zu klassischer Literatur unter einem neuen Gesetz zur „Drogenpropaganda“ hinzuzufügen.
Die Kennzeichnungen sind auf großen Plattformen erschienen, darunter LitRes, dem MTS-eigenen KION Strоки und in den Angeboten von Ozon.
Das Gesetz, das am 1. März in Kraft trat, verlangt, dass Inhalte, die sich auf Betäubungsmittel beziehen, Warnhinweise tragen.
Berühmte Namen betroffen
Zu den betroffenen Werken gehören Schriften von Alexander Puschkin, Nikolai Gogol und Iwan Turgenew.
Puschkins Gedichtsammlungen, Gogols „Die Nase“, „Wij“ und „Der Mantel“ sowie Turgenews „Asja“ und „Väter und Söhne“ wurden Berichten zufolge alle gekennzeichnet.
Weitere Titel umfassen Kindergeschichten von Leo Tolstoi und Romane von Michail Bulgakow wie „Der Meister und Margarita“, „Die weiße Garde“ und „Morphium“.
Weitreichende Auslegung
Kritiker befürchten, dass das Gesetz Werke erfassen könnte, die nur geringfügige oder beiläufige Verweise auf Drogen enthalten.
In einigen Fällen könnten Kennzeichnungen durch eine einzige Erwähnung einer Substanz oder sogar durch automatisierte Klassifizierungsfehler ausgelöst werden.
Zum Beispiel erscheint in „Die weiße Garde“ Morphium lediglich als medizinische Behandlung für einen verwundeten Charakter.
Rechtlicher Geltungsbereich
Die Gesetzgebung definiert „Drogenpropaganda“ als die Verbreitung von Informationen über Betäubungsmittel, einschließlich ihrer Herstellung, Lagerung, ihres Transports oder ihrer Beschaffung, oder die Darstellung ihres Konsums als attraktiv.
Die Bußgelder für Verstöße reichen von 2.000 Rubel bis zu 1,5 Millionen Rubel.
Beamte hatten zuvor angedeutet, dass literarische Klassiker nicht betroffen sein würden, doch die jüngsten Entwicklungen scheinen diese Erwartung zu widerlegen.
Unklare Grenzen
Das Gesetz erlaubt die Kennzeichnung, wenn Drogen als „integraler Bestandteil des künstlerischen Konzepts, der durch das Genre gerechtfertigt ist“, angesehen werden.
Werke, die vor August 1990 veröffentlicht wurden, sind jedoch formell ausgenommen, was die Verwirrung darüber, wie die Regeln durchgesetzt werden, noch verstärkt.
Die Situation verdeutlicht die wachsende Spannung zwischen dem kulturellen Erbe und den verschärften Vorschriften in Russland.
Quellen: Vyorstka, The Moscow Times