Die wachsende Zahl drogenbedingter Notfälle bei Jugendlichen wirft in Österreich neue Fragen auf. Behörden, Rettungsdienste und Fachstellen berichten übereinstimmend von Entwicklungen, die sich nicht mehr als Einzelfälle erklären lassen.
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Vor allem in Wien zeigen aktuelle Daten, wie eng Drogenkonsum, soziale Brüche und fehlende Schutzmechanismen miteinander verknüpft sind.
Steigende Notfälle
Ein deutliches Signal kommt von den Einsatzorganisationen. Die Wiener Berufsrettung registrierte 2025 insgesamt 372 Einsätze mit Verdacht auf Drogenvergiftungen bei Minderjährigen. Im Jahr davor waren es 297, berichtete der ORF unter Berufung auf offizielle Zahlen.
Auch Krankenhäuser melden mehr Fälle. Nach Angaben der Sucht- und Drogenkoordination Wien wurde 2025 in 164 Fällen ein Sozialarbeiter zu minderjährigen Patientinnen und Patienten gerufen, die nach Drogenkonsum behandelt wurden. 2023 waren es noch 88.
Fehlende Daten
Wie viele Minderjährige insgesamt an den Folgen von Drogenkonsum gestorben sind, bleibt unklar. Laut ORF werden diese Zahlen weder in Wien noch österreichweit laufend zusammengeführt. Eine umfassende Übersicht wird erst mit dem Epidemiologiebericht der Gesundheit Österreich erwartet.
Bekannt ist jedoch, dass in Wien sieben unter 18-Jährige starben, die sich 2025 in der Obsorge der Kinder- und Jugendhilfe befanden. Fachleute sehen darin eine Warnung, aber auch eine statistische Lücke, die gezielte Prävention erschwert.
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Warnungen aus Fachstellen
In der medizinischen Versorgung zeigt sich der Trend besonders deutlich. Belinda Plattner, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Salzburg, beobachtet laut ORF einen starken Anstieg bei Jugendlichen mit problematischem Konsum.
„Zu uns kommen derzeit deutlich mehr Jugendliche, die Drogen konsumieren. Zumindest in Salzburg war das in diesem Ausmaß noch nie der Fall“, sagte sie dem Sender.
Plattner und andere Fachkräfte berichten von wiederkehrenden Mustern, bei denen besonders vulnerable Mädchen früh in riskante Abhängigkeiten geraten.
Ermittlungen und Angst
Mehrere mutmaßliche Fälle von Drogenabgabe an Minderjährige und möglicher sexueller Ausbeutung beschäftigen derzeit die Polizei. Die Landespolizeidirektion Wien bestätigte dem ORF laufende Ermittlungen, betonte jedoch, dass in den derzeit bekannten Fällen bislang keine formelle Anzeige von mutmaßlich betroffenen Minderjährigen vorliege.
Nach Einschätzung von Fachleuten spielt dabei Angst eine zentrale Rolle. Viele Betroffene fürchteten mögliche Konsequenzen oder Repressalien und verzichteten in diesen Situationen auf Anzeigen gegen die mutmaßlich beteiligten Personen.
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Strukturelle Grenzen
Ein tödlicher Fall aus dem Herbst 2025, bei dem eine 16-Jährige tot in einem Wiener Hotel gefunden wurde, verdeutlicht die Grenzen bestehender Hilfssysteme. Die Ermittlungen dauern an.
Die Kinder- und Jugendhilfe Wien weist darauf hin, dass Betreuung auf Beziehung und Freiwilligkeit basiert. „Jedes Kind, das stirbt, ist eines zu viel. Nichtsdestotrotz ist es so, dass wir Kinder und Jugendliche in unseren Wohngemeinschaften nicht einsperren“, sagte MA 11-Sprecherin Ingrid Pöschmann dem ORF.
Die Fälle machen deutlich, wie schwierig es ist, besonders gefährdete Jugendliche wirksam zu schützen, wenn Risiken schnell zunehmen und Hilfsangebote nur begrenzt greifen.
Quelle: ORF