Diplomaten prüfen hinter den Kulissen, ob eine streng überwachte Pufferzone die Kämpfe in der Ostukraine stoppen könnte, ohne den zugrunde liegenden territorialen Streit beizulegen.
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Die ukrainische Führung hat in den laufenden Friedensgesprächen eine klare Linie gezogen: keine territorialen Zugeständnisse ohne verbindliche Sicherheitsgarantien.
Präsident Wolodymyr Selenskyj habe, schreibt die New York Times, argumentiert, dass Schutzmechanismen vor jeglichen politischen Schritten kommen müssten. „Ich würde sehr gern zuerst Sicherheitsgarantien unterzeichnen und dann andere Dokumente“, sagte er und fügte hinzu, die Ukrainer müssten „wissen – nicht nur glauben, sondern wissen –, dass künftige russische Aggression unmöglich sein wird oder dass wir, falls sie dennoch geschieht, nicht allein sein werden“.
Diese Haltung prägt eine breitere Debatte, die derzeit über die mögliche Einrichtung einer entmilitarisierten Zone in der Region Donezk geführt wird – einem Industriegebiet im Osten der Ukraine, das nach Jahren der Kämpfe von Schützengräben und Artilleriebeschuss gezeichnet ist.
Territoriale Mechanismen
In demselben Artikel berichtete die New York Times über Gespräche zwischen russischen, ukrainischen und US-amerikanischen Vertretern über eine Pufferzone in einem etwa 80 Kilometer langen und 65 Kilometer breiten Streifen in Donezk, der zwischen der aktuellen Frontlinie und der administrativen Grenze der Region liegt. Moskau hat gefordert, dass Kyjiw das dort noch von ihm kontrollierte Gebiet als Bedingung für ein Ende des Krieges abtritt. Die Ukraine hat dies abgelehnt.
Anstelle eines einseitigen Rückzugs haben Unterhändler geprüft, ob das Gebiet in einen entmilitarisierten Streifen umgewandelt werden könnte, der von keiner der beiden Armeen kontrolliert wird. Elemente dieses Konzepts erinnern an einen im November in der Financial Times vorgestellten 28-Punkte-Friedensrahmen, berichtet das rumänische Medium Digi24.
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Der Plan verband territoriale Anpassungen mit Sicherheitsgarantien und einer schrittweisen Lockerung der Sanktionen, was in mehreren europäischen Hauptstädten zu vorsichtigen Reaktionen führte.
Bei Gesprächen in Abu Dhabi Anfang dieses Monats prüften ukrainische Vertreter Optionen für einen teilweisen russischen Rückzug, der nicht zwingend Schritt für Schritt von ukrainischen Kräften nachvollzogen würde, berichteten mit den Gesprächen vertraute Personen der NYT. Die Verschiebung war subtil, deutete jedoch auf Spielraum hinsichtlich der konkreten Ausgestaltung einer Pufferzone hin.
Sicherheitsarchitektur
Wie eine solche Zone durchgesetzt werden könnte, bleibt umstritten.
Präsident Wladimir W. Putin erklärte im vergangenen Herbst, die Details einer entmilitarisierten Regelung bedürften weiterer Diskussionen. Sein außenpolitischer Berater Juri Uschakow deutete später an, Moskau könne eine Pufferzone akzeptieren, wenn russische Polizeikräfte oder Einheiten der Nationalgarde dort patrouillieren dürften.
Kyjiw weist diese Formel zurück und fordert stattdessen eine internationale Friedenstruppe. Einige NATO-Diplomaten haben in den vergangenen Monaten öffentlich betont, dass jede Pufferzone eine glaubwürdige Überwachung und schnelle Reaktionsmechanismen zur Verhinderung von Verstößen erfordern würde – Lehren aus dem Scheitern früherer Waffenstillstandsvereinbarungen.
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Die Minsker Abkommen von 2014 und 2015 legten Trennungslinien in der Ostukraine fest, konnten eine erneute Eskalation jedoch nicht verhindern. Diese Erfahrung überschattet die aktuellen Gespräche.
Gestaltung der Verwaltung
Die Verwaltung des Gebiets ist eine weitere ungeklärte Frage. Laut NYT haben Unterhändler die Bildung einer zivilen Behörde erörtert, die sowohl russische als auch ukrainische Vertreter umfassen könnte, auch wenn eine Einigung nicht in Sicht ist.
In dem Gebiet leben nach Angaben des ukrainischen Gouverneurs der Region rund 190.000 Zivilisten, darunter 12.000 Kinder – Zahlen, die Digi24 zitiert. Kyjiw argumentiert, dass jede Regelung ihren Schutz in den Mittelpunkt stellen müsse.
Zudem wurde über die Einrichtung einer Freihandelszone innerhalb des entmilitarisierten Streifens gesprochen. Allerdings ist ein Großteil der Schwerindustrie der Region zerstört, und nur noch ein Kohlebergwerk ist in Betrieb, was die wirtschaftlichen Perspektiven begrenzt.
Insgesamt spiegeln die Vorschläge weniger einen Durchbruch wider als die Suche nach Formeln, die den Konflikt einfrieren könnten, ohne ihn zu lösen. Ob eine solche Struktur die Front stabilisieren oder lediglich ein geteiltes Donbas institutionalisieren würde, bleibt ungewiss – und diese Ungewissheit dürfte ebenso wie jede Grenzlinie die kommenden Entscheidungen prägen.
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Quellen: The New York Times, Financial Times, Digi24