Vier russische Soldaten haben der BBC berichtet, sie hätten miterlebt, wie Kameraden auf Befehl ihrer eigenen Kommandeure während der Kämpfe in der Ukraine hingerichtet wurden, und schilderten ein Klima der Angst, des Zwangs und extremer Gewalt an der Front.
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In der Dokumentation The Zero Line: Inside Russia’s War gaben die Männer — inzwischen außerhalb Russlands — detaillierte Aussagen über Tötungen, Folter und wiederholte verlustreiche Angriffe. Die BBC erklärte, sie gehe davon aus, dass es das erste Mal sei, dass russische Soldaten namentlich über das Miterleben solcher Hinrichtungen gesprochen haben.
Tötungen und Angst
Zwei der Männer sagten, sie hätten persönlich gesehen, wie Kommandeure Soldaten erschossen, die sich weigerten, an ihre Gefechtspositionen zurückzukehren.
Einer beschrieb, wie er eine Tötung aus nächster Nähe beobachtete. „Ich sehe es — nur zwei Meter, drei Meter … klick, klack, bang“, sagte er.
Ein anderer berichtete, er habe gesehen, wie vier Soldaten erschossen wurden, nachdem sie Befehle verweigert hatten, darunter einer, der um sein Leben flehte. Ein weiterer Zeuge schilderte, er habe etwa 20 Leichen in einer Grube entdeckt, nachdem Soldaten angeblich „genullt“ worden seien — ein im Militär gebräuchlicher Slang-Ausdruck für die Hinrichtung eigener Männer.
Die BBC wies darauf hin, dass sie nicht jeden einzelnen Vorfall unabhängig überprüfen konnte, erklärte jedoch, die Aussagen stimmten miteinander überein.
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„Fleischsturm“-Taktiken
Die Soldaten beschrieben zudem sogenannte „Fleischstürme“, Wellen von Infanterieangriffen, bei denen kleine Gruppen wiederholt vorgeschickt wurden, um ukrainische Stellungen zu zermürben.
Wer sich weigerte, daran teilzunehmen, sei angeblich bestraft worden. Die Männer sagten der BBC, Inhaftierte seien geschlagen, mit Stromstößen misshandelt, vom Essen ausgeschlossen oder gedemütigt worden, bevor man sie zurück in den Kampf zwang. Einer erklärte, er sei gefesselt und misshandelt worden, nachdem er sich geweigert habe, an einem Angriff teilzunehmen.
Ein anderer berichtete, er sei wochenlang in einer improvisierten Haftstätte festgehalten worden, wo er nach eigenen Angaben wiederholt gefoltert wurde.
Steigende Verluste
Einer der Interviewten sagte, er sei gemeinsam mit 78 weiteren Männern mobilisiert worden und der einzige Überlebende dieser Gruppe. Laut BBC legte er Dokumente vor, in denen die Namen der Gefallenen aufgeführt seien.
Das britische Verteidigungsministerium schätzt, dass seit Beginn der großangelegten Invasion im Februar 2022 mehr als 1,2 Millionen russische Soldaten getötet oder verwundet wurden. Moskau veröffentlicht keine offiziellen Verlustzahlen.
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Auf die Vorwürfe angesprochen, erklärte die russische Regierung gegenüber der BBC, ihre Streitkräfte handelten zurückhaltend, und etwaige Vorwürfe von Fehlverhalten würden untersucht. Zudem hieß es, man könne die vorgelegten Informationen nicht unabhängig überprüfen.
Psychische Belastung
Alle vier Männer erklärten, sie seien aus Russland geflohen und litten weiterhin unter psychischen Traumata.
Ein ehemaliger Soldat sagte, er liebe sein Land noch immer, lehne jedoch den Krieg und das Handeln seiner Kommandeure ab.
Ihre Berichte bieten einen seltenen Einblick aus erster Hand in mutmaßliche Praktiken innerhalb russischer Einheiten, auch wenn eine unabhängige Überprüfung weiterhin nur eingeschränkt möglich ist.
Quellen: BBC, britisches Verteidigungsministerium