Viele halten Snoozen für eine schlechte Gewohnheit.
Gerade lesen andere
Für viele gilt es als Zeichen mangelnder Disziplin: Wer morgens nicht sofort aufspringt, verliert angeblich wertvolle Zeit. Produktivitätsratgeber warnen seit Jahren vor der Snooze-Taste.
Doch nicht alle Experten teilen diese strikte Haltung. Ein differenzierter Blick auf den Moment zwischen Schlaf und Wachsein zeigt: Der kurze Aufschub könnte mehr sein als bloße Bequemlichkeit.
In einem Beitrag für Focus Online argumentiert der Verhaltens- und Kulturphilosoph Frederik Hümmeke, dass die Snooze-Taste differenzierter betrachtet werden sollte.
Zwar wird wiederholtes Weiterschlummern in Ratgebern und von Schlafexperten häufig kritisch gesehen, Hümmeke verweist jedoch auf neurobiologische Prozesse, die den Übergang am Morgen in einem anderen Licht erscheinen lassen. Es handelt sich dabei um seine persönliche fachliche Einschätzung.
Mythos Produktivität
In Ratgebern wird das sofortige Aufstehen oft als Schlüssel zu Effizienz dargestellt. Mehrfaches Schlummern gilt als schlechter Start in den Tag.
Lesen Sie auch
Hümmeke argumentiert hingegen, dass gerade der erste Moment nach dem Weckerklingeln eine besondere Qualität habe. Dieser Zustand, in der Forschung als Hypnopompie bezeichnet, beschreibt die Phase zwischen Traum und klarem Bewusstsein.
Hümmeke bezieht sich dabei auch auf „ZEIT Wissen“, das den hypnopompen Zustand als Übergangsphase zwischen Traum und vollem Bewusstsein beschreibt.
Was im Gehirn geschieht
In seinem Beitrag verweist Hümmeke auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse, wonach in solchen Übergangsphasen Netzwerke aktiv seien, die mit inneren Bildern und kreativem Denken in Verbindung stehen. Gleichzeitig sei die analytische Steuerung noch nicht vollständig ausgeprägt.
Darin sieht er ein mögliches Kreativfenster. Historisch hätten etwa Salvador Dalí oder Thomas Edison vergleichbare Zustände genutzt, um Ideen festzuhalten – wenn auch meist beim Einschlafen.
Zugleich wird in der Schlafmedizin häufig darauf hingewiesen, dass längeres Weiterschlummern den Schlaf fragmentieren könne. Im Beitrag heißt es jedoch, sehr kurze Intervalle von wenigen Minuten reichten in der Regel nicht aus, um erneut in eine stabile Tiefschlafphase zu gelangen.
Lesen Sie auch
Sanfter Start
Der Übergang vom Schlaf zur Wachheit ist mit hormonellen und neuronalen Anpassungen verbunden. In der Forschung wird dieser Effekt als „Sleep Inertia“ beschrieben – eine Phase, die mit Benommenheit oder Stress einhergehen kann.
Ein abruptes Aufstehen kann diese Empfindung verstärken. Ein kurzer, bewusster Übergang hingegen könnte helfen, den Organismus langsamer hochzufahren.
In seinem Beitrag verweist Hümmeke auch auf die Universität Innsbruck, die interozeptives Bewusstsein als Wahrnehmung innerer Zustände wie Atmung oder Herzschlag beschreibt. Er regt an, solche Übergangsmomente am Morgen bewusst dafür zu nutzen.
Grenzen des Schlummerns
Entscheidend bleibt die Dauer. Hümmeke empfiehlt ein bis zwei kurze Snooze-Phasen von jeweils fünf bis zehn Minuten.
Längeres, wiederholtes Weiterschlafen über eine halbe Stunde könne dagegen den gegenteiligen Effekt haben und die Trägheit verstärken.
Lesen Sie auch
Damit wird die Snooze-Taste weder zum Allheilmittel noch zum Tabu. Ob sie hilfreich ist, hängt von Dauer, individueller Schlafqualität und bewusster Nutzung ab.
Quelle: Focus Online, ZEIT Wissen