Alltägliche Gesundheitstipps versprechen oft einfache Antworten. Die Realität ist differenzierter, individueller und entwickelt sich noch immer weiter.
Hohe Dosen Vitamin C werden wahrscheinlich nicht verhindern, dass sich jemand erkältet, argumentiert Professor Daniel M. Davis in einer Kolumne, die im Daily Express veröffentlicht wurde.
Sein übergeordneter Punkt ist nicht, dass die Gesundheit des Immunsystems unwichtig sei, sondern dass sie häufig zu vereinfacht dargestellt werde. Die Rede davon, das Immunsystem zu „stärken“, kann irreführend sein, denn eine stärkere Immunreaktion ist nicht immer gleichbedeutend mit einer besseren.
Das Immunsystem muss fortlaufend feine Entscheidungen treffen. Es muss auf schädliche Viren, Bakterien und Pilze reagieren und gleichzeitig harmlose Nahrungsmittel, nützliche Darmmikroben und die gesunden Zellen des eigenen Körpers verschonen.
Ratschläge zum Immunsystem können irreführend sein
Davis beschreibt die Gesundheit des Immunsystems als eine Frage von Gleichgewicht und Präzision. Zu wenig Schutz macht Menschen anfällig, doch zu viel Aktivität kann eine andere Art von Gefahr mit sich bringen.
Deshalb beschränken sich immunbedingte Erkrankungen nicht darauf, sich Infektionen zuzuziehen. Bei Krankheiten wie Multipler Sklerose, rheumatoider Arthritis, Lupus und Typ-1-Diabetes greift das Immunsystem irrtümlich gesundes Gewebe an.
Davis verwies außerdem auf David Vetter, bekannt als der „Junge in der Blase“, als seltenes, aber eindrucksvolles Beispiel für schweres Immunversagen.
Vetter lebte aufgrund einer schweren Immunerkrankung in Isolation und starb im Alter von zwölf Jahren an einer virusbedingten Krebserkrankung.
Einige Gewohnheiten verdienen Aufmerksamkeit
Die Warnung des Professors vor Vitamin C widerspricht einer weit verbreiteten Alltagsvorstellung. Er betont, dass der Nährstoff für die Gesundheit unverzichtbar sei, die Behauptung, hohe Dosen könnten Erkältungen verhindern, jedoch kaum wissenschaftlich gestützt werde.
Davis führt die Popularität dieser Vorstellung auf Linus Pauling zurück, dessen öffentliches Eintreten für Vitamin C dazu beitrug, dass es zu einem kulturellen Symbol der Erkältungsvorbeugung wurde.
Die Lehre daraus sei, so Davis, dass selbst berühmte wissenschaftliche Stimmen nicht allein als Beweis betrachtet werden sollten.
Dieselbe Vorsicht sei auch bei Probiotika geboten. Darmmikroben können das Immunsystem beeinflussen, und Probiotika können das Mikrobiom verändern. Die Forschung hat jedoch noch nicht geklärt, wie ein „gesundes“ Mikrobiom eigentlich aussehen sollte.
Lebensstil ist keine Universallösung
Gewicht, Bewegung, Stress und Schlaf gehören alle zur Diskussion über das Immunsystem, doch keiner dieser Faktoren bietet eine allgemeingültige Formel.
Nach Angaben von Davis kann das Infektionsrisiko sowohl bei Untergewicht als auch bei Übergewicht steigen.
Körperfett ist nicht nur gespeicherte Energie. Es kann mit Immunzellen interagieren und zu Entzündungen beitragen, was erklärt, warum Adipositas die Gesundheit des Immunsystems beeinflussen kann.
Auch Bewegung ist komplexer, als oft dargestellt wird. Moderate körperliche Aktivität scheint vorteilhaft zu sein, während extreme Belastung die Immunfunktion kurzfristig beeinträchtigen kann, selbst wenn sie langfristige Vorteile mit sich bringen mag.
Stress kommt als weiterer Faktor hinzu. Anhaltender Druck kann den Cortisolspiegel erhöhen, ein Hormon, das bestimmte Immunreaktionen tendenziell abschwächt.
Auch Schlaf und Immunsystem beeinflussen sich gegenseitig, sodass ausreichende Erholung mehr ist als nur ein Schlagwort für einen gesunden Lebensstil.
Neue Behandlungen setzen auf Präzision
Die vielversprechendere Zukunft liegt nach Ansicht von Davis in gezielter Wissenschaft und nicht in vermeintlichen Abkürzungen durch Nahrungsergänzungsmittel.
Er verweist auf die CAR-T-Zell-Therapie, bei der Immunzellen eines Patienten entnommen, genetisch so verändert werden, dass sie Krebszellen erkennen, und anschließend wieder in den Körper zurückgeführt werden.
Diese Behandlung wird bereits bei einigen Kindern mit akuter lymphoblastischer Leukämie eingesetzt.
Davis zufolge könnten ähnliche immunbasierte Ansätze künftig auch bei Autoimmunerkrankungen untersucht werden.
Die Botschaft lautet nicht, dass Menschen ihre alltägliche Gesundheit vernachlässigen können. Vielmehr lässt sich die Gesundheit des Immunsystems nicht auf eine einzelne Pille, ein bestimmtes Lebensmittel oder einen Trend reduzieren.
Quelle: Kolumne im Daily Express von Professor Daniel M. Davis, 1. Juni 2026.