Zwei wissenschaftliche Aufsätze, die bereits vor Jahren zurückgezogen wurden, stehen nun im Mittelpunkt eines Streits um digitale Wissenschaftsarchive. Der Fall zeigt, wie ältere Forschung in den Hintergrund geraten kann, wenn Archivsysteme heutige Regeln auf eine völlig andere Ära des wissenschaftlichen Publizierens anwenden.
Zurückziehungen haben in der Wissenschaft große Bedeutung. Sie weisen häufig auf fehlerhafte Daten, ethische Verstöße oder schwerwiegende Probleme im Publikationsprozess hin. Im Fall von Max Planck, dem deutschen Physiker, der 1918 den Nobelpreis für Physik erhielt, kann dieses Signal nach Ansicht von Historikern jedoch irreführend sein.
Wie Science berichtet, entdeckte Yves Gingras, Physikhistoriker an der Université du Québec à Montréal, Plancks Namen auf einer Liste von Retraction Watch mit Nobelpreisträgern, deren wissenschaftliche Arbeiten zurückgezogen worden waren. Dort war vermerkt, dass zwei Aufsätze Plancks im Jahr 2011 zurückgezogen worden waren.
Gingras und Mahdi Khelfaoui, Wissenschaftshistoriker an der Université du Québec à Trois-Rivières, argumentierten später in einem Preprint auf arXiv, dass die Zurückziehungen einen Konflikt zwischen der Durchsetzung des Urheberrechts und den Publikationsgewohnheiten früherer Zeiten widerspiegeln.
Einer der zurückgezogenen Aufsätze war an mehreren Stellen veröffentlicht worden. Im heutigen Wissenschaftsbetrieb kann dies als Doppelveröffentlichung oder als Verstoß gegen das Urheberrecht gewertet werden. Gingras und Khelfaoui schreiben jedoch, dass Wissenschaftler ihre Arbeiten früher häufig erneut veröffentlichten, um verschiedene Leserkreise in einer weitaus weniger vernetzten wissenschaftlichen Welt zu erreichen.
Khelfaoui sagte gegenüber Science:
„Die Wissenschaft war damals stärker fragmentiert. Man wollte, dass unterschiedliche Zielgruppen Zugang zu der eigenen Arbeit haben.“
Die Seite blieb leer
Die Sorge wuchs, weil der zurückgezogene Aufsatz nicht mit einem üblichen Rücknahmehinweis online zugänglich blieb. Stattdessen zeigte die Seite des alten Artikels in Naturwissenschaften laut Science lediglich einen nahezu leeren Hinweis, sodass der eigentliche Text nicht mehr verfügbar war.
Für Forschende ist das mehr als nur eine Frage der Darstellung. Bleibt ein zurückgezogener Aufsatz weiterhin zugänglich, können Leser ihn prüfen, den Grund für die Rücknahme nachvollziehen und ihn in den größeren wissenschaftlichen Zusammenhang einordnen. Verschwindet der Artikel dagegen vollständig, wird ein Teil der wissenschaftlichen Überlieferung schwerer nachvollziehbar.
Suzanne Scarlata, Chefredakteurin von The Science of Nature, dem heutigen Namen von Naturwissenschaften, sagte gegenüber Science, sie habe von den Zurückziehungen nichts gewusst.
„Das ist verrückt. Ich verstehe nicht, warum sie gekennzeichnet wurden.“
Scarlata vermutete, dass eine automatisierte Überprüfung dahinterstecken könnte.
„Ich glaube, das wurde einfach durch den Algorithmus ausgelöst. Das ist ein Fehler, den sie wahrscheinlich korrigieren sollten.“
Wie Science weiter berichtet, lehnte Springer Nature, der Verlag der Zeitschrift, eine ausführlichere Stellungnahme ab und verwies auf die Vertraulichkeit einzelner Zurückziehungen.
Ein identischer Titel warf Fragen auf
Der zweite Fall ließ sich noch schwerer erklären. In ihrem Preprint auf arXiv schrieben Gingras und Khelfaoui, sie hätten keine frühere Doppelveröffentlichung dieses Planck-Aufsatzes gefunden. Dadurch erscheine die angegebene urheberrechtliche Begründung schwerer nachvollziehbar.
Ihr Verdacht richtet sich auf den Titel des Aufsatzes. Planck hatte denselben Titel bereits für eine Erwiderung auf den Philosophen Aloys Müller verwendet, obwohl sich die Inhalte unterschieden. Nach Ansicht der Historiker könnte ein System die identischen Titel fälschlicherweise als Beleg für eine Doppelveröffentlichung gewertet haben, obwohl es sich nicht um denselben Aufsatz handelte.
Das ist deshalb von Bedeutung, weil der Aufsatz Teil einer größeren Debatte über die Quantenmechanik und die Natur der Wirklichkeit war. Wenn er nicht mehr leicht zugänglich ist, betrifft das nicht nur einen einzelnen Literaturverweis. Es kann auch dazu führen, dass ein historischer wissenschaftlicher Austausch weniger vollständig erscheint oder sich schwieriger rekonstruieren lässt.
Die Historiker beunruhigt zudem, dass Planck bekannt genug ist, damit das Verschwinden seiner Aufsätze Aufmerksamkeit erregt. Arbeiten weniger bekannter Wissenschaftler könnten hingegen aus Datenbanken verschwinden, ohne dass es jemand bemerkt – und so Lücken hinterlassen, die möglicherweise nie hinterfragt werden.
Quellen: Science, Retraction Watch, arXiv