Startseite Geschichte Alte DNA wirft neues Licht auf einen jahrhundertealten Mordfall

Alte DNA wirft neues Licht auf einen jahrhundertealten Mordfall

Studiolo of Francesco I de' Medici, a richly decorated Mannerist chamber in Palazzo Vecchio.
Dima Moroz / Shutterstock.com

Zwei Todesfälle an einem Renaissancehof gaben Anlass zu Verdächtigungen, die über Jahrhunderte hinweg Bestand hatten. Genetische Beweise liefern Historikern nun eine überzeugendere Erklärung dafür, was tatsächlich geschah.

Francesco I. de‘ Medici, Großherzog der Toskana, starb im Oktober 1587, nachdem er unter schweren, wiederkehrenden Fieberschüben gelitten hatte. Seine Ehefrau Bianca Cappello starb am folgenden Tag, woraufhin Francescos Bruder Ferdinando ihm als Großherzog nachfolgte.

Die Todesfälle weckten sofort Misstrauen. Viele glaubten laut Historienet, Ferdinando habe das Paar vergiftet. Dieses Gerücht hielt sich trotz medizinischer Berichte über die schweren Fieberschübe, unter denen beide gelitten hatten.

Diese jahrhundertealte Theorie wurde nun anhand genetischen Materials überprüft, das aus Überresten gewonnen wurde, die Mitgliedern der Familie Medici zugeschrieben werden.

Anstatt sich ausschließlich auf schriftliche Quellen oder forensische Untersuchungen der Knochen zu stützen, suchten die Forschenden nach genetischen Spuren von Krankheitserregern – ein Ansatz, der in der Archäologie in den vergangenen zwei Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen hat.

Hinweise auf Malaria

In einer in iScience veröffentlichten Studie berichten Forschende der Yale University und der Universität Pisa über Hinweise auf Malaria in Überresten, die Francesco und seinem jüngeren Bruder Giovanni zugeschrieben werden.

In Giovannis Knochen wurde ein bislang nicht charakterisierter Stamm von Plasmodium falciparum nachgewiesen, jener Parasitenart, die die tödlichste Form der Malaria beim Menschen verursacht.

In Francescos Überresten fanden die Forschenden molekulare Spuren, die sowohl mit P. falciparum als auch mit P. malariae in Verbindung stehen. Weitere Sequenzierungen sind erforderlich, um zu bestätigen, ob er gleichzeitig mit beiden Parasitenarten infiziert war.

Die Ergebnisse stimmen mit historischen Beschreibungen der Erkrankungen der beiden Brüder überein und stützen die Annahme, dass Malaria die Ursache für Francescos Tod war. Gleichzeitig schwächen sie die Vergiftungsthese, auch wenn der Nachweis einer Infektion allein die Todesursache nicht zweifelsfrei belegen kann.

Über das jahrhundertealte Rätsel hinaus liefert die Studie auch neue Erkenntnisse zur Geschichte von Infektionskrankheiten in Europa. Heute wird Malaria vor allem mit tropischen und subtropischen Regionen in Verbindung gebracht. Über viele Jahrhunderte war die Krankheit jedoch auch in Südeuropa, einschließlich Teilen Italiens, weit verbreitet.

Das in den Überresten der Medici erhaltene genetische Material bietet Forschenden eine seltene Gelegenheit, zu untersuchen, wie sich der Parasit entwickelte, bevor er im 20. Jahrhundert aus der Region verschwand.

Genetik verändert das Geschichtsbild

Johannes Krause, Direktor der Abteilung für Archäogenetik am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, erklärte in einem Interview mit Historienet, dass alte DNA als zusätzliche historische Quelle betrachtet werden sollte.

Seiner Ansicht nach haben Fortschritte in der Sequenzierungstechnologie das Fachgebiet grundlegend verändert. Statt nur eine Handvoll Individuen zu untersuchen, können Forschende heute die DNA Tausender Menschen aus der Vergangenheit analysieren. Dadurch lassen sich ganze Populationen untersuchen und Gemeinschaften vergleichen, die zeitlich und geografisch voneinander getrennt sind.

Krause betrachtet die Erkenntnisse über Bevölkerungsbewegungen als eine der wichtigsten Entdeckungen des Fachgebiets. Genetische Studien deuten darauf hin, dass Migration häufig zur Verbreitung von Bräuchen und Technologien zwischen antiken Gemeinschaften beitrug. Damit werden frühere Annahmen infrage gestellt, wonach sich Ideen meist ohne größere Wanderungsbewegungen verbreiteten.

Die Methode kann zudem biologische Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb von Gräberfeldern identifizieren. Dadurch können Forschende Familienbeziehungen rekonstruieren, Abstammungslinien nachvollziehen und Siedlungsmuster untersuchen, die im archäologischen Befund ansonsten verborgen geblieben wären.

Krause geht davon aus, dass DNA-Analysen in der Archäologie künftig ebenso selbstverständlich sein werden wie die Radiokarbondatierung. Die Medici-Studie zeigt, wie sich anhand von Beweisen, die in menschlichen Überresten erhalten geblieben sind, eine alte historische Behauptung überprüfen lässt und zugleich neue Erkenntnisse über Malaria im Europa der Renaissance gewonnen werden können.

Gleichzeitig betont er, dass die Genetik ihren größten Wert entfaltet, wenn sie mit Archäologie, historischen Dokumenten und anderen Beweisformen kombiniert wird, anstatt als vollständige Antwort für sich allein betrachtet zu werden.

Quellen: Historienet; iScience