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Sinkende Geburtenraten zeigen Wandel bei Arbeit, Beziehungen und Familie

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Ein britischer Politikbericht entfacht erneut eine Debatte in den Medien und in politischen Kreisen über die Ursachen sinkender Geburtenraten und verweist über wirtschaftliche Faktoren hinaus auf den Zeitpunkt von Beziehungen sowie auf den Eintritt ins Erwachsenenleben.

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Das Centre for Social Justice (CSJ) argumentiert, dass spätere Übergänge in stabile Beschäftigung und unabhängiges Wohnen bei Männern beeinflussen, wann – oder ob – Paare eine Familie gründen.

In ganz Europa ist dieser Trend gut belegt. Die neuesten verfügbaren Eurostat-Daten für 2024 zeigen, dass die Fertilitätsraten in den meisten Ländern unter dem Bestandserhaltungsniveau liegen, wobei das Vereinigte Königreich bei 1,44 und Deutschland bei rund 1,35 liegt.

Spätere Übergänge, größere Lücken

Die vom CSJ vorgelegten Ergebnisse, über die Independent berichtet hat, zeigen, dass traditionelle Meilensteine wie sichere Beschäftigung, der Auszug aus dem Elternhaus und die Bildung langfristiger Partnerschaften später erreicht werden als in früheren Jahrzehnten.

Diese Verschiebung kann dazu führen, dass Paare bei der Familienplanung nicht im Gleichklang sind, insbesondere da biologische Grenzen unverändert bleiben, während sich die sozialen Zeitverläufe verlängern.

Die Forschenden hinter dem Bericht schätzen, dass etwa 600.000 Frauen teilweise aufgrund dieses Missverhältnisses keine Mutterschaft erleben könnten. Zudem prognostizieren sie, dass bis zu 3 Millionen Frauen im Vereinigten Königreich kinderlos bleiben könnten, gegenüber 2,4 Millionen in früheren Generationen.

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Gleichzeitig stellen einige Expertinnen und Experten infrage, wie leicht sich diese Muster auf individuelles Verhalten zurückführen lassen.

Professorin Melinda Mills, Soziologin an der University of Oxford und Forscherin zu Fertilitätstrends, hat zuvor argumentiert, dass aufgeschobene Elternschaft eng mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, hohen Wohnkosten und längeren Übergängen in ein stabiles Erwachsenenleben bei beiden Geschlechtern zusammenhängt.

Über Kosten hinaus

Wirtschaftlicher Druck spielt weiterhin eine zentrale Rolle. Daten des Office for National Statistics zeigen, dass Frauen nach der Geburt von Kindern zwischen 65.000 und 100.000 Pfund an Einkommen verlieren können – ein Faktor, der in politischen Debatten häufig angeführt wird.

In ihrer Meinungsrubrik für The Independent vertritt die Journalistin Charlotte Cripps jedoch die Ansicht, dass finanzielle Erklärungen das Gesamtbild nicht vollständig erfassen, insbesondere im Hinblick auf Beziehungsdynamiken.

Cripps schreibt: „Das größte Hindernis war nicht nur, dass meine Fruchtbarkeit drastisch abnahm, sondern dass mein Partner nicht bereit war, mit mir Kinder zu bekommen.“

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Sie schildert außerdem, wie sie nach eigenen Angaben im Alter von 38 Jahren während einer Fruchtbarkeitsberatung sichtlich aufgewühlt war, nachdem sie erfahren hatte, dass ihre Chancen, schwanger zu werden, weiter abnahmen.

Fragen zu Lösungsansätzen

Das CSJ schlägt einen früheren Einstieg in stabile Beschäftigung, einschließlich Ausbildungsprogrammen, vor, um eine frühere Familiengründung bei Männern zu fördern. Dies ist eine klare politische Antwort auf eine komplexe soziale Realität.

Kritikerinnen und Kritiker wie Charlotte Cripps weisen jedoch darauf hin, dass „Bereitschaft“ ebenso stark von strukturellen Faktoren wie von persönlichen Entscheidungen geprägt ist. Längere Ausbildungszeiten, prekäre Beschäftigung und hohe Wohnkosten betreffen sowohl Männer als auch Frauen und erschweren einfache Erklärungen.

Die Auswirkungen sind greifbar. Niedrigere Geburtenraten tragen bereits zu Sorgen über Fachkräftemangel, alternde Bevölkerungen und steigenden Druck auf Rentensysteme bei.

Wenn sich die Debatte von individuellen Entscheidungen hin zu gemeinsamen Zeitverläufen und strukturellen Hürden verschiebt, könnten politische Entscheidungsträger gezwungen sein, nicht nur den Zeitpunkt der Familiengründung neu zu überdenken, sondern auch die Bedingungen, die sie überhaupt ermöglichen.

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Quellen: The Independent, Centre for Social Justice, Office for National Statistics, Eurostat