Der Streit um den Militärdienst für streng religiöse Juden ist längst mehr als eine juristische Debatte. Er berührt das Selbstverständnis des Staates, belastet die Regierung und spaltet die Gesellschaft. In Jerusalem wurde diese Spannung nun auf dramatische Weise sichtbar.
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Ein Todesfall am Rande einer Großdemonstration lenkte den Blick erneut auf einen Konflikt, der seit Monaten ungelöst ist.
Politische Blockade
Auslöser der aktuellen Proteste ist das Ende einer jahrzehntelangen Sonderregelung: Ultraorthodoxe Männer waren vom Militärdienst befreit, doch diese Ausnahme lief aus. Der Regierung gelang es bislang nicht, ein neues Gesetz zu verabschieden.
Der Konflikt fällt in eine Zeit besonderer Belastung. Wegen des anhaltenden Gaza-Kriegs warnt die Armee laut israelischen Medien seit Langem vor einem akuten Mangel an einsatzfähigen Soldaten.
Gleichzeitig droht der Streit die rechtsreligiöse Koalition von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu destabilisieren.
Eskalation auf der Straße
Vor diesem Hintergrund versammelten sich in Jerusalem tausende Ultraorthodoxe zu einer Demonstration gegen ihre mögliche Einberufung, wie n-tv unter Berufung auf die israelischen Zeitung Haaretz berichtet. Die Polizei sprach später von schweren Ausschreitungen.
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Nach Angaben der Sicherheitskräfte wurden Mülltonnen angezündet, Straßen blockiert und Einsatzkräfte sowie Journalisten angegriffen. Die Lage habe sich im Verlauf des Abends zunehmend zugespitzt.
Tödlicher Zwischenfall
Am Rande der Kundgebung kam es zu einem tödlichen Vorfall. Wie die Times of Israel berichtet, teilte der Rettungsdienst Magen David Adom mit, dass ein Linienbus mehrere Demonstranten erfasste. Ein Jugendlicher starb noch am Ort des Geschehens.
Die Polizei erklärte, der Zwischenfall habe sich außerhalb des genehmigten Demonstrationsbereichs ereignet, wo normaler Verkehr herrschte. Der Busfahrer wurde festgenommen und befragt.
Nach Angaben der Times of Israel, gab der Fahrer an, zuvor von Demonstranten angegriffen worden zu sein. Die Ermittlungen dauern an.
Tiefer gesellschaftlicher Riss
Der Konflikt spiegelt einen grundlegenden Bruch wider. Viele säkulare Israelis empfinden es als ungerecht, dass Ultraorthodoxe lange vom Militärdienst ausgenommen waren, während andere gefährliche Einsätze leisten.
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Umgekehrt sehen viele streng religiöse Juden den Armeedienst als Bedrohung ihres Lebensstils. Nach Angaben der Times of Israel verglich ein Redner auf der Kundgebung die geplante Wehrpflicht mit einem „Holocaust“ und sprach von einer existenziellen Bedrohung für die Gemeinschaft.
Der tödliche Vorfall verstärkt nun den Druck auf Politik und Sicherheitsbehörden, eine Lösung zu finden, bevor die Lage weiter eskaliert.
Quellen: n-tv, The Times of Israel