Startseite Wissenschaft Tschernobyl-Organismus wirft neue Fragen in der Strahlenbiologie auf

Tschernobyl-Organismus wirft neue Fragen in der Strahlenbiologie auf

Abandoned radioactive hall in school in Pripyat in Chernobyl Exclusion Zone
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Fast vier Jahrzehnte nach der Tschernobyl-Katastrophe entdecken Wissenschaftler weiterhin unerwartete Lebensformen in deren Nachwirkungen. Unter ihnen befindet sich ein mikroskopischer Organismus, der weiterhin Annahmen darüber infrage stellt, wie biologische Systeme auf extreme Strahlung reagieren. Unklar ist dabei nicht sein Überleben, sondern ob er etwas weitaus Ungewöhnlicheres tut.

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In stark kontaminierten Strukturen am Standort Tschernobyl identifizierten Forscher Cladosporium sphaerospermum, einen dunkel pigmentierten Pilz, über den Science Alert berichtete.

Seine Entwicklung wurde in einigen strahlungsbezogenen Experimenten mit verstärktem Wachstum in Verbindung gebracht. Damit zählt er zu den Extremophilen, Organismen, die für ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber harschen Bedingungen bekannt sind, wobei sein Verhalten noch einen Schritt weiterzugehen scheint.

Nicht nur Überleben. Etwas, das eher einer Anpassung gleichkommt.

Hinweise aus der Forschung

Studien unter der Leitung von Ekaterina Dadachova und Arturo Casadevall am Albert Einstein College of Medicine untersuchten, wie der Pilz auf ionisierende Strahlung reagiert.

Ihre Arbeit legt nahe, dass Melanin, das Pigment, das für seine dunkle Farbe verantwortlich ist, sein chemisches Verhalten verändern könnte, wenn es solcher Energie ausgesetzt wird.

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Strahlung schädigt normalerweise Zellen, indem sie Moleküle und DNA stört. In diesem Fall beobachteten Forscher jedoch Reaktionen, die unter bestimmten experimentellen Bedingungen mit verbessertem Wachstum verbunden waren, wenn auch nicht konsistent.

Einige Wissenschaftler haben die Idee der „Radiosynthese“ als mögliche Erklärung untersucht, doch handelt es sich dabei weiterhin um ein umstrittenes Konzept und nicht um einen etablierten Mechanismus.

Belege und Implikationen

Laut Digi24 hat diese Unsicherheit Forscher nicht davon abgehalten, praktische Anwendungen zu testen. In einem 2022 an Bord der Internationalen Raumstation durchgeführten Experiment untersuchten Wissenschaftler, ob der Pilz als biologischer Strahlenschutz dienen könnte.

Die Ergebnisse zeigten niedrigere Strahlungswerte unter der Pilzschicht im Vergleich zu Kontrollproben. Dies deutet darauf hin, dass Melanin schützende Eigenschaften haben könnte, auch wenn eine Energieumwandlung bislang nicht nachgewiesen ist.

„Die Radiosynthese selbst muss noch nachgewiesen werden, einschließlich der Reduktion von Kohlenstoffverbindungen zu energiereicheren Formen oder der durch ionisierende Strahlung angetriebenen Fixierung von anorganischem Kohlenstoff“, sagte ein Team unter der Leitung des Stanford-Ingenieurs Nils Averesch.

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Andere Studien haben ähnliche Pilze dokumentiert, die auf unterschiedliche Weise auf Strahlung reagieren, doch keiner zeigt exakt dieses Muster. Der Fall von C. sphaerospermum bewegt sich weiterhin an der Schnittstelle zwischen Strahlenbiologie und Astrobiologie, wo grundlegende Annahmen noch geprüft werden.

Das Leben scheint flexibler zu sein als erwartet.

Quellen: Digi24, Science Alert