Startseite Wissenschaft Wissenschaftler entdecken Neandertaler-Gen für kräftigeren Körperbau

Wissenschaftler entdecken Neandertaler-Gen für kräftigeren Körperbau

Full body Neanderthal reconstruction at the Neanderthal Museum, Germany,
Mustafa Masetic / Shutterstock.com

Forscher haben einen kleinen Unterschied in der Körperzusammensetzung Erwachsener festgestellt, der mit einer uralten genetischen Variante zusammenhängt. Laborexperimente deuten darauf hin, dass diese Veränderung beeinflusst, wie Zellen auf Wachstumshormon reagieren.

Die Neandertaler verschwanden vor Zehntausenden von Jahren, doch sie hinterließen ein genetisches Erbe. Da sich Neandertaler und frühe moderne Menschen miteinander fortpflanzten, tragen viele Menschen heute noch geringe Mengen Neandertaler-DNA in sich. Wissenschaftler untersuchen weiterhin, ob einige dieser vererbten Varianten bestimmte Merkmale heutiger Menschen beeinflussen.

Eine dieser Varianten wurde nun mit geringfügigen Unterschieden bei Körpergröße und Muskelmasse in Verbindung gebracht. Eine Untersuchung mit mehr als 1,1 Millionen Erwachsenen ergab, dass jede Kopie der vom Neandertaler stammenden Variante mit einem um etwa 285 Gramm höheren Körpergewicht verbunden war. Rund 271 Gramm dieses Unterschieds entfielen auf Muskelmasse, während Träger pro Kopie im Durchschnitt auch etwa 0,30 Zentimeter größer waren. Für den Einzelnen ist der Effekt gering, doch dank des großen Datensatzes konnten die Forscher das Muster erkennen.

Der betreffende DNA-Abschnitt enthält eine Neandertaler-Version des Gens, das für den Wachstumshormonrezeptor kodiert. Dieser Rezeptor hilft den Zellen, auf Wachstumshormon zu reagieren, das an der körperlichen Entwicklung beteiligt ist. Forscher unter der Leitung von Hugo Zeberg vom Karolinska Institutet und Philipp Kanis vom Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology schätzen, dass die Sequenz vor etwa 47.000 Jahren durch die Fortpflanzung zwischen Neandertalern und modernen Menschen in die Populationen moderner Menschen gelangte.

Die Studie erschien am 5. August 2026 online in Current Biology und wurde auch von Historienet aufgegriffen. Indem die Forscher untersuchten, wie sich diese alte Version des Rezeptors verhält, konnten sie erforschen, warum ein von Neandertalern geerbter DNA-Abschnitt auch heute noch mit messbaren Unterschieden im menschlichen Körper verbunden sein könnte.

Das Signal wirkt anders

Um den alten Rezeptor direkt zu testen, verglichen die Wissenschaftler ihn mit der Form, die heute bei den meisten Menschen vorkommt. Nach Zugabe von Wachstumshormon vermehrten sich Laborzellen mit der Neandertaler-Version etwa 40 Prozent stärker. Das Experiment ermöglichte es den Forschern, die Auswirkungen des Rezeptors getrennt von den zahlreichen anderen Faktoren zu untersuchen, die das Wachstum lebender Menschen beeinflussen.

Die beiden Rezeptorformen unterscheiden sich lediglich an zwei Aminosäurepositionen. Weitere Experimente deuteten darauf hin, dass eine dieser Veränderungen für den größten Teil der stärkeren zellulären Reaktion verantwortlich war. Dadurch konnten die Forscher genauer eingrenzen, welche genetische Veränderung offenbar die größte Rolle spielt.

Die Studie stellte außerdem Zusammenhänge fest, die über Muskelmasse und Körpergröße hinausgingen. Träger der Variante hatten tendenziell kürzere Zahnwurzeln und geringfügige Unterschiede in einem Teil des Unterkiefers. Die Variante ist weltweit ungleich verteilt und kommt vor allem in Süd- und Ostasien vor. In einigen Bevölkerungsgruppen tragen bis zu 24 Prozent der Menschen die Variante, verglichen mit nur etwa 0,5 Prozent in Europa.

In welchem Alter ihre Auswirkungen erstmals erkennbar werden, ist weiterhin unklar. Eine Analyse von mehr als 6.000 Kindern ergab bis zum Alter von elf Jahren keinen vergleichbaren Zusammenhang. Die Autoren vermuten, dass sich der Unterschied erst später in der Entwicklung zeigen könnte, möglicherweise etwa zur Pubertät. Die verfügbaren Daten lassen jedoch nicht erkennen, wann genau das bei Erwachsenen beobachtete Muster einsetzt.

Einer von vielen Faktoren

Die Forscher warnen davor, die Variante als entscheidenden Faktor für den Körperbau zu betrachten. Wachstum, Körpergröße und Muskelmasse werden durch das Zusammenspiel vieler Gene geprägt, während auch Umwelteinflüsse zu den Unterschieden zwischen einzelnen Menschen beitragen. Ernährung, allgemeiner Gesundheitszustand und körperliche Aktivität können die Entwicklung des Körpers im Laufe der Zeit ebenfalls beeinflussen.

Die vom Neandertaler stammende Variante stellt daher nur einen kleinen Teil eines wesentlich umfassenderen biologischen Gesamtbildes dar. Ihre durchschnittliche Wirkung lässt sich in sehr großen Gruppen messen, sie bestimmt jedoch nicht, wie groß oder muskulös ein einzelner Mensch wird.

Mitautorin Miriam Berreiter betonte zudem, dass die vom Neandertaler stammende Variante kein Ersatz für Training ist. Obwohl die Variante im Durchschnitt mit einer etwas größeren Muskelmasse verbunden ist, ist körperliche Bewegung für den Aufbau und Erhalt eines muskulösen Körpers weiterhin weitaus wichtiger. Die genetische Veranlagung kann einen kleinen grundlegenden Unterschied bewirken, doch der Lebensstil spielt für das Endergebnis weiterhin eine zentrale Rolle.

Quellen: Current Biology, Historienet