Europäische Hauptstädte treiben ihre Verteidigungsplanung voran, da die Unsicherheit über Washingtons langfristige Rolle in der NATO immer schwerer zu ignorieren ist. Was einst eine stille Sorge war, hat sich in konkrete politische Veränderungen verwandelt, die Haushalte, Truppenstärken und strategische Koordination beeinflussen. Das Thema ist nicht länger abstrakt. Es prägt, wie sich Europa auf mögliche Lücken in der transatlantischen Sicherheit vorbereitet.
Laut The Wall Street Journal befassen sich europäische Entscheidungsträger mit Notfallplanungen, um die Abschreckung gegenüber Russland aufrechtzuerhalten und die militärische Kontinuität sicherzustellen, falls die Unterstützung der USA nachlassen sollte.
Dazu gehört die Stärkung der Streitkräfte auf dem Kontinent sowie der Schutz dessen, was Diplomaten als „nukleare Glaubwürdigkeit“ bezeichnen — die Fähigkeit, eine verlässliche Abschreckung aufrechtzuerhalten.
Der ehemalige NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat diese Maßnahmen als Versuch bezeichnet, die europäische Säule des Bündnisses zu stärken. In der Praxis bedeutet dies, mehr innerhalb der NATO zu tun, statt außerhalb.
Einige Regierungen prüfen zudem, wie die französischen nuklearen Fähigkeiten bestehende Arrangements ergänzen könnten. Die Gespräche bleiben sensibel, unterstreichen jedoch einen breiteren Wandel: Europa bereitet sich darauf vor, mehr Verantwortung zu übernehmen, während es zugleich darauf besteht, dass die NATO zentral bleibt.
Druck aus Washington
Laut TASS hat die Kritik des US-Präsidenten Donald Trump an der NATO diesem Wandel zusätzliche Dringlichkeit verliehen.
Im Zusammenhang mit den Spannungen rund um den Iran und die Straße von Hormus sagte er: „Wir zahlen Billionen Dollar für die NATO, und sie waren nicht für uns da.“
Diese Botschaft ist auf Resonanz gestoßen. Stoltenberg wies in einem Interview mit CBS News darauf hin, dass die europäischen Verbündeten ihre Verteidigungsausgaben nach Jahren des Drucks aus den USA über mehrere Regierungen hinweg erhöht haben.
„Ich halte es immer für wichtig, Aussagen des Präsidenten der Vereinigten Staaten ernst zu nehmen“, sagte er und stellte einen direkten Zusammenhang zwischen der Rhetorik aus Washington und politischen Veränderungen in Europa her.
Ein sich verschiebendes Gleichgewicht
Die interne Dynamik der NATO verändert sich bereits. Das Bündnis hat sich in den letzten Jahren um Finnland und Schweden erweitert, während Russlands Krieg in der Ukraine die Mitgliedstaaten schneller als zuvor in Richtung des Ziels von Verteidigungsausgaben in Höhe von 2 Prozent des BIP getrieben hat.
Stoltenberg warnte, dass die Zukunft des Bündnisses nicht als selbstverständlich angesehen werden könne:
„Es ist kein Naturgesetz, dass die NATO für immer bestehen wird. Das Überleben der NATO in den nächsten zehn Jahren ist nicht in Stein gemeißelt.“
Er betonte zudem, dass die gemeinsame Stärke der NATO — die etwa die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung und militärischen Macht ausmacht — weiterhin ein entscheidender Grund für ihre Beständigkeit sei, was er dem kollektiven Gewicht ihrer Mitglieder zuschreibt.
Dennoch wird die Richtung der Entwicklung immer klarer. Europa bereitet sich auf ein Szenario vor, in dem die Führung der USA weniger dominant ist — nicht abwesend, aber nicht mehr unangefochten. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, wird die NATO möglicherweise nicht geschwächt — sie könnte am Ende des Jahrzehnts schlicht sehr anders aussehen.
Quellen: TASS, CBS News, The Wall Street Journal