Startseite Geschichte Uralte DNA weist auf umfassenden Bevölkerungswandel in der Steinzeit hin

Uralte DNA weist auf umfassenden Bevölkerungswandel in der Steinzeit hin

Megalithic dolmen monument creates an ancient and historical landscape in nature
Shutterstock

Neue Forschungsergebnisse liefern weitere Details zu einem seit Langem diskutierten Wendepunkt der Vorgeschichte. Die Hinweise deuten auf Krisen, Wanderungsbewegungen und Veränderungen im gesellschaftlichen Leben im alten Europa hin.

Nach Angaben der Universität Kopenhagen zeigt DNA aus einem großen steinzeitlichen Grab nahe Bury nördlich von Paris einen starken Bevölkerungsrückgang, dem die Ankunft von Menschen mit südeuropäischen Wurzeln folgte.

Der Befund ist von Bedeutung, weil Archäologen den sogenannten neolithischen Rückgang seit Langem diskutieren. Dabei handelt es sich um eine Phase vor etwa 5.000 Jahren, in der die Bevölkerung in Teilen Europas schrumpfte, die Landwirtschaft offenbar an Bedeutung verlor und die Tradition großer Megalithgräber allmählich nachließ.

Die Forschenden analysierten genetisches Material von 132 Menschen, die in dem megalithischen Grab bestattet worden waren. Die Studie, veröffentlicht in Nature Ecology & Evolution, zeigt, wie alte DNA Verwandtschaftsbeziehungen, Migration und gesellschaftlichen Wandel sichtbar machen kann – auch wenn sie nicht vollständig erklären kann, warum eine Gesellschaft unter Druck geriet.

Zwei Gemeinschaften nutzten dasselbe Grab

Das Grab wurde um 3000 v. Chr. in zwei getrennten Phasen genutzt und bewahrte Hinweise auf einen bemerkenswerten Bruch. Die frühere Gruppe war genetisch vielfältig und stand mit bäuerlichen Gemeinschaften in Nordfrankreich und Deutschland in Verbindung.

Frederik Valeur Seersholm, Assistenzprofessor am Globe Institute und einer der Hauptautoren der Studie, sagte:

„Wir sehen einen klaren genetischen Bruch zwischen den beiden Zeitabschnitten.“

Er fügte hinzu:

„Die frühere Gruppe ähnelt den bäuerlichen Bevölkerungen der Steinzeit aus Nordfrankreich und Deutschland, während die spätere Gruppe starke genetische Verbindungen zu Südfrankreich und der Iberischen Halbinsel aufweist.“

Dieser Bruch beschreibt nicht nur eine Veränderung der Bestattungssitten. Er deutet darauf hin, dass die Menschen, die das Grab vor und nach dem Bevölkerungsrückgang nutzten, größtenteils unterschiedlichen Gemeinschaften angehörten.

Krankheiten könnten den Druck verstärkt haben

Die Forschenden suchten zudem nach alten Krankheitserregern, die im Knochenmaterial erhalten geblieben waren. Sie fanden Spuren von Yersinia pestis, dem mit der Pest verbundenen Bakterium, sowie von Borrelia recurrentis, dem Erreger des Läuserückfallfiebers.

Martin Sikora, außerordentlicher Professor an der Universität Kopenhagen und leitender Autor der Studie, sagte:

„Wir können bestätigen, dass die Pest vorhanden war, doch die Belege sprechen nicht dafür, dass sie die alleinige Ursache des Bevölkerungszusammenbruchs war.“

Diese Vorsicht ist wichtig. Der Nachweis eines Krankheitserregers zeigt, dass Menschen einer Krankheit ausgesetzt waren, beweist aber nicht automatisch, dass eine Krankheit eine Bevölkerung auslöschte. Der Rückgang könnte auf mehrere sich überlagernde Faktoren zurückzuführen sein, darunter Krankheiten, Nahrungsmangel, Umweltbelastungen oder Konflikte.

Die Skelettfunde deuteten außerdem auf eine ungewöhnlich hohe Sterblichkeit in der früheren Phase hin, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen. Laure Salanova, Forschungsdirektorin am CNRS, bezeichnete dieses demografische Muster als starkes Anzeichen für eine Krise.

Bestattungen weisen auf eine neue Gesellschaftsordnung hin

Die DNA-Analysen zeigten zudem eine Veränderung darin, wie Menschen nach ihrem Tod gruppiert wurden. In der früheren Phase enthielt das Grab mehrere Generationen aus erweiterten Familien, was auf eine Gemeinschaft hindeutet, die auf weitreichenden Verwandtschaftsbeziehungen beruhte.

Nach dem Bruch wurden die Bestattungen selektiver. Die Forschenden stellten eine stärkere Konzentration auf eine männliche Abstammungslinie fest – ein Muster, das auf vererbten Status oder eine stärker hierarchisch geprägte Gesellschaftsstruktur hindeuten könnte.

Seersholm sagte:

„Dies deutet darauf hin, dass der Bevölkerungswandel von einer Veränderung der gesellschaftlichen Struktur begleitet wurde.“

Für Archäologen könnte dieser Wandel erklären, warum der Bau megalithischer Gräber in Teilen Europas etwa zur gleichen Zeit zurückging. Wenn die Gemeinschaften, die solche Monumente errichteten und nutzten, schrumpften oder verschwanden, könnten auch die mit ihnen verbundenen Traditionen an Bedeutung verloren haben.

Die Fundstätte von Bury ist besonders wertvoll, weil sie genetische Befunde mit Bestattungspraxis, Krankheitsspuren und Umweltindikatoren verbindet. Die Studie weist außerdem darauf hin, dass sich zwischen den beiden Nutzungsphasen der Wald wieder ausbreitete, was auf aufgegebene Ackerflächen und eine geringere menschliche Aktivität hindeuten könnte.

Das Grab liefert keine einfache Antwort auf den neolithischen Rückgang. Stattdessen weist es auf eine Bevölkerung hin, die offenbar stark geschrumpft ist, auf eine spätere Zuwanderung aus dem Süden und auf einen prähistorischen Wandel, dessen Konturen erst allmählich sichtbar werden.

Quellen: Universität Kopenhagen; Nature Ecology & Evolution