Die öffentliche Meinung in Teilen Europas verändert sich auf eine Weise, die die sicherheitspolitischen Prioritäten des Kontinents neu gestalten könnte. Eine neue Umfrage deutet auf eine wachsende Unterstützung für militärische Eigenständigkeit hin, während das Vertrauen in traditionelle Verbündete schwindet. Alte Gewissheiten beginnen zu bröckeln.
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Die Unterstützung für kollektive Verteidigung bleibt hoch, doch die persönliche Bereitschaft zu kämpfen zeichnet ein anderes Bild. Die Umfrage „European Pulse“, durchgeführt von Cluster17 für Politico und beBartlet zwischen dem 13. und 21. März unter 6.698 Personen in sechs europäischen Ländern, zeigt eine Kluft zwischen Prinzip und Handeln.
Rund drei Viertel der Befragten gaben an, den Einsatz von Truppen zur Verteidigung eines NATO-Verbündeten zu unterstützen, und noch mehr befürworteten die Verteidigung eines anderen EU-Mitgliedstaats. Doch wenn das Szenario persönlich wird, sinkt die Bereitschaft deutlich.
Nur 19 % gaben an, bereit zu sein, „zu den Waffen zu greifen und zu kämpfen“, falls ihr eigenes Land angegriffen würde. Andere tendierten zu Unterstützungsrollen oder indirekten Beiträgen, während einige eine Beteiligung ganz vermeiden würden. Die Bereitschaft zu verteidigen bedeutet nicht immer die Bereitschaft zu kämpfen.
Verbündete infrage gestellt
Das Vertrauen in Washington ist nicht mehr selbstverständlich. Die von Politico berichteten Ergebnisse zeigen, dass 36 % der Befragten die Vereinigten Staaten als Bedrohung sehen, während nur 12 % sie noch als engen Verbündeten betrachten.
Diese Entwicklung folgt auf die Rückkehr Donald Trumps ins Präsidentenamt im Januar 2025, schreibt Digi24. Seine Regierung hat NATO-Verpflichtungen infrage gestellt, Zölle gegen Verbündete verhängt und ohne europäische Unterstützung einen Konflikt mit dem Iran begonnen.
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Russland bleibt jedoch die dominierende Sorge und wird von 70 % der Befragten als Bedrohung genannt, China von 29 %.
Die Wahrnehmung der USA liegt nun unangenehm dazwischen und spiegelt eher Unsicherheit als eine klare Ausrichtung wider.
Spanien zeigt die größte Skepsis, während Polen eine Ausnahme bildet: Dort sehen nur 13 % Washington als Risiko.
Eigenständigkeit gewinnt an Bedeutung
Der Trend, dass Europa stärker auf eigenen Beinen stehen soll, gewinnt an Dynamik. Laut Politico sind 86 % der Befragten der Ansicht, dass der Kontinent seine Verteidigungsfähigkeiten stärken sollte – ein Signal dafür, dass die Debatte über strategische Autonomie nicht mehr nur auf politische Entscheidungsträger beschränkt ist, sondern die öffentliche Meinung erreicht hat.
Die Unterstützung für eine gemeinsame europäische Streitkraft liegt bei 69 %, was auf eine Offenheit für eine tiefere militärische Integration hindeutet.
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Gleichzeitig erschwert die finanzielle Frage das Bild. Die Meinungen zu Verteidigungsausgaben sind nahezu gleichmäßig verteilt: Einige fordern Erhöhungen, während andere die aktuellen Ausgaben für ausreichend oder bereits zu hoch halten.
Beim Thema Ukraine sind die Meinungen ebenso gespalten: 34 % sagen, Europa tue nicht genug, 31 % halten den aktuellen Ansatz für angemessen, und 30 % sind der Ansicht, die Unterstützung gehe zu weit.
Für die Führung von NATO und EU könnte diese Fragmentierung die künftige Koordination erschweren, insbesondere wenn die öffentliche Unterstützung stärker an Bedingungen geknüpft wird.
Quellen: Politico, Digi24