Startseite KI KI-Warnung sorgt für neue Unruhe im globalen Finanzsystem

KI-Warnung sorgt für neue Unruhe im globalen Finanzsystem

Andrew Bailey from Bank of England
Screendump: CNBC International Live / YouTube

Finanzbehörden richten ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf Cybersicherheit, Hebelwirkung und hohe Vermögensbewertungen. Neue Technologien bringen eine weitere Herausforderung in eine ohnehin komplexe Risikolandschaft.

Andrew Bailey hat G20-Vertreter davor gewarnt, dass sogenannte Frontier-KI – also die leistungsfähigsten KI-Modelle an der technologischen Spitze – die Cyberbedrohungen für das Finanzsystem verstärken könnte.

In einem Schreiben vom 28. August, das am 31. August vom Financial Stability Board (FSB) veröffentlicht wurde, nannte Bailey KI neben dem Druck durch Staatsschulden, Risiken im Bereich privater Kreditmärkte, Hebelwirkung und hohen Vermögensbewertungen als einen der Risikofaktoren.

Bailey ist seit März 2020 Gouverneur der Bank of England und seit Juli 2025 Vorsitzender des FSB.

Cyberbedrohungen stehen an erster Stelle

Bailey erklärte, die Abhängigkeit des Finanzsektors von gemeinsam genutzten Technologieanbietern könne dazu führen, dass eine größere Störung mehrere Institute gleichzeitig trifft und sich über Landesgrenzen hinweg ausbreitet. Diese Konzentration bedeutet, dass Probleme bei einem weit verbreiteten Anbieter rasch zu einer umfassenderen Gefahr für Banken, Märkte und Aufsichtsbehörden in mehreren Rechtsordnungen werden könnten.

Er schrieb: „Für das Finanzsystem besteht die unmittelbarste Sorge in den möglichen Auswirkungen von Frontier-KI auf Cyberrisiken. Frontier-KI könnte in der Lage sein, Geschwindigkeit, Umfang und wirtschaftliche Rahmenbedingungen von Cyberrisiken erheblich zu verändern, was das Vertrauen in die Märkte und das Finanzsystem insgesamt untergraben könnte, insbesondere angesichts der starken Konzentration bei externen Dienstleistern.“

In dem Schreiben heißt es zudem, KI könne die Cyberabwehr stärken, indem sie Finanzinstituten neue Instrumente zur Erkennung und Abwehr von Bedrohungen an die Hand gibt. Gleichzeitig könnten leistungsfähigere Systeme die Geschwindigkeit und Komplexität von Angriffen erhöhen, sodass Unternehmen sowohl ihre Prävention als auch ihre Wiederherstellungsfähigkeit verbessern müssten.

Finanzunternehmen könnten bessere Wiederherstellungspläne benötigen, falls mehrere Institute oder gemeinsam genutzte Anbieter gleichzeitig von Störungen betroffen sind. Aufsichtsbehörden konzentrieren sich zudem darauf, wie schnell wichtige Systeme und Daten nach einem größeren Cybervorfall wiederhergestellt werden können.

Die Märkte bergen weitere Risiken

Bailey verwies außerdem auf ein hohes Volumen staatlicher Schuldtitelemissionen, kürzere Laufzeiten und eine höhere Hebelwirkung bei einigen Marktteilnehmern. Diese Belastungen könnten schwieriger zu bewältigen sein, wenn das Vertrauen der Anleger abrupt nachlässt oder mehrere Quellen finanzieller Spannungen gleichzeitig auftreten.

Er nannte zudem gehebelte börsengehandelte Fonds, Hedgefonds mit Engagements in Staatsanleihen sowie hohe Preise für risikoreiche Vermögenswerte. Diese Bereiche könnten Marktbewegungen verstärken, wenn Anleger während einer Phase hoher Volatilität gezwungen sind, ihre Positionen rasch abzubauen.

Auch wechselseitige Investitionen zwischen KI-Unternehmen und sogenannten Hyperscalern geben Anlass zur Sorge. Hyperscaler sind große Technologieunternehmen, die einen erheblichen Teil der von KI-Entwicklern genutzten Recheninfrastruktur bereitstellen und dadurch enge finanzielle Verflechtungen zwischen verschiedenen Teilen des Technologiesektors schaffen.

Bailey befürchtet, dass hohe Bewertungen, Hebelwirkung und konzentrierte Investitionen sich bei einer starken Marktkorrektur gegenseitig verstärken könnten.

„Ich bin daher weiterhin besorgt, dass ein großer Schock oder eine Kombination mehrerer Schocks gleichzeitig mehrere Schwachstellen auslösen könnte“, schrieb Bailey.

Aufsichtsbehörden stehen vor den nächsten Schritten

Bailey forderte stärkere internationale Regelungen dafür, wie fortgeschrittene KI-Modelle veröffentlicht und eingesetzt werden. Schutzmaßnahmen müssten seiner Ansicht nach mit den wachsenden Fähigkeiten von Frontier-Systemen Schritt halten.

Seine Warnung legt besonderen Wert auf die Koordinierung zwischen Staaten. Da Finanzinstitute und Technologieanbieter grenzüberschreitend tätig sind, könnten Unterschiede bei nationalen Regeln und der Krisenvorsorge es erschweren, Störungen einzudämmen, sobald ein schwerwiegender Vorfall begonnen hat.

Das FSB untersucht außerdem, wie Finanzinstitute Frontier-KI zu Verteidigungszwecken einsetzen könnten, unter anderem zur Stärkung ihrer Fähigkeit, auf Cyberbedrohungen zu reagieren. Gleichzeitig könnten Unternehmen robustere Wiederherstellungsverfahren für Situationen benötigen, in denen kritische Systeme, Daten oder gemeinsam genutzte Technologieanbieter betroffen sind.

Der Schwerpunkt liegt daher nicht nur auf der Verhinderung von Angriffen. Aufsichtsbehörden prüfen auch, wie schnell Finanzunternehmen nach einem größeren Cybervorfall wesentliche Betriebsabläufe wiederherstellen und das Risiko begrenzen können, dass sich Störungen im gesamten Finanzsystem ausbreiten.

Quellen: Financial Stability Board