Multitasking beim Fernsehen verändert Filme und Serien.
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Viele Menschen setzen sich mit der Absicht vor den Fernseher, einem Film ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Doch oft dauert es nur wenige Minuten, bis der Blick auf ein zweites Display wandert.
Neue Daten und Einschätzungen aus der Hirnforschung zeigen, dass dieses Verhalten kein Zufall ist. Es sagt viel darüber aus, wie Aufmerksamkeit heute funktioniert – und warum sich auch Medien daran anpassen.
Zahlen zur Gewohnheit
Paralleles Schauen ist längst Normalität. Laut Zahlen aus der DR-Medieudviklingen-Erhebung 2023 haben 67 Prozent der Menschen in Dänemark ein Smartphone, Tablet oder einen Computer in der Hand, während sie fernsehen, berichtet der dänische Sender DR.
Das zweite Gerät wird dabei häufig unbewusst genutzt. Viele merken erst später, dass sie einen Teil des Films verpasst haben.
Laut Fachleuten spiegelt diese Gewohnheit veränderte Erwartungen an Unterhaltung wider.
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Das suchende Gehirn
Die Neuroforscherin und Autorin Emma Louise Louth Als erklärt gegenüber DR, dass das menschliche Gehirn ständig nach Reizen verlangt. Es bevorzuge kontinuierliche Stimulation und reagiere sensibel auf Pausen.
Weil heute jederzeit neue Inhalte verfügbar seien, habe sich die Toleranz für Langeweile stark verringert. Ruhige oder langsame Filmszenen reichten oft aus, um die Aufmerksamkeit abdriften zu lassen.
Das Smartphone biete dann sofort neue Impulse – ohne bewusste Entscheidung.
Kein echtes Multitasking
Entgegen der verbreiteten Annahme kann das Gehirn nicht mehrere Dinge gleichzeitig verfolgen. Laut Louth Als wird die Aufmerksamkeit vielmehr rasch zwischen verschiedenen Reizen hin- und hergeschaltet.
Untersuchungen mit Hirnscans zeigten, dass diese Wechsel messbar seien. Sie blieben jedoch meist unbemerkt, weil sie wenig geistige Anstrengung erfordern.
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Der Eindruck, alles gleichzeitig mitzubekommen, sei daher trügerisch.
Auswirkungen auf Inhalte
Diese fragmentierte Aufmerksamkeit beeinflusst inzwischen auch die Film- und Serienbranche. Nach Angaben von DR berichten Drehbuchautorinnen und -autoren, dass sie Handlungen häufiger erklären müssten, damit Zuschauer auch ohne durchgehendes Hinsehen folgen können.
Der Schauspieler Matt Damon sagte in einem Podcast, Netflix berücksichtige, dass Filme zu Hause mit einer deutlich geringeren und anderen Form von Aufmerksamkeit gesehen würden als im Kino, berichtet DR.
Dadurch verändere sich, wie Geschichten erzählt werden.
Ein riskanter Kreislauf
Louth Als sieht darin einen selbstverstärkenden Effekt. Inhalte würden einfacher und erklärender, was konzentriertes Zuschauen wiederum weniger reizvoll mache.
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Wer einen Film bewusst ohne Zweitbildschirm sehe, könne sich schnell langweilen, weil vieles mehrfach erklärt werde – und greife erneut zum Handy.
Komplexe Erzählformen würden dennoch nicht verschwinden, sagt sie. Nicht jede Geschichte lasse sich stark vereinfachen, ohne an Qualität zu verlieren.
Quelle: DR