Ukraine pocht auf Grenzen von 1991.
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Während internationale Vermittlungsbemühungen stocken, verschärft sich der Ton aus Kyjiw. In einem Interview mit BBC hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj deutlich gemacht, dass er den Konflikt weit über die Landesgrenzen hinaus als Bedrohung sieht.
Seine Botschaft: Ein Waffenstillstand um den Preis territorialer Verluste komme nicht infrage.
Rote Linien
Im Gespräch mit BBC sagte Selenskyj, Moskau versuche, geopolitische Realitäten zu verschieben und anderen Staaten ein alternatives Gesellschaftsmodell aufzuzwingen. Den russischen Angriffskrieg betrachte er faktisch als Beginn eines Dritten Weltkriegs.
„Ich glaube, dass Putin ihn bereits begonnen hat. Die Frage ist, wie viel Territorium er erobern kann und wie man ihn stoppen kann … Russland will der Welt eine andere Lebensweise aufzwingen und das Leben verändern, das die Menschen für sich gewählt haben.“
Die Forderung Russlands, dauerhaft die Kontrolle über besetzte Gebiete im Osten und Süden der Ukraine zu erhalten, wies er zurück. Ein Rückzug ukrainischer Truppen aus strategisch wichtigen Städten sei für ihn nicht nur eine militärische Frage.
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„Ich sehe das anders. Ich betrachte es nicht einfach als Land. Ich sehe darin ein Aufgeben – eine Schwächung unserer Positionen, das Zurücklassen von Hunderttausenden unserer Menschen, die dort leben. So sehe ich das. Und ich bin sicher, dass dieser ‚Rückzug‘ unsere Gesellschaft spalten würde.“
Sieg und Grenzen
Selenskyj widersprach Einschätzungen westlicher Analysten, wonach die Ukraine ohne Kompromisse militärisch unterliegen könnte. Auf die Frage nach der Gefahr einer Niederlage antwortete er mit einem klaren Nein.
„Werden wir verlieren? Natürlich nicht, denn wir kämpfen für die Unabhängigkeit der Ukraine.“
Zugleich räumte er ein, dass eine sofortige Rückeroberung aller Gebiete angesichts der militärischen Lage und begrenzter Ressourcen nicht realistisch sei.
Langfristig bleibe jedoch die Wiederherstellung der international anerkannten Grenzen von 1991 das Ziel. Dies sei nicht nur eine territoriale Frage, sondern betreffe die staatliche Souveränität.
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Spannungen mit Washington
Auch die Beziehungen zu den USA kamen zur Sprache. Laut BBC hatte US-Präsident Donald Trump zuletzt stärkeren Druck auf Kyjiw als auf Moskau ausgeübt und schnelle Verhandlungen gefordert.
Auf frühere Vorwürfe, er sei ein „Diktator“ und trage Verantwortung für den Krieg, reagierte Selenskyj knapp: „Ich bin kein Diktator, und ich habe diesen Krieg nicht begonnen, das ist alles.“
Zugleich stellte er die Frage nach der Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitszusagen in den Mittelpunkt.
Es gehe nicht nur um Zusagen eines einzelnen Präsidenten, sondern um Garantien, die langfristig Bestand hätten. Präsidenten seien nur für begrenzte Zeit im Amt, politische Eliten wechselten. Deshalb müssten Sicherheitszusagen so ausgestaltet sein, dass sie institutionell abgesichert seien – etwa durch eine Zustimmung des US-Kongresses.
Wahlen im Krieg
Mit Blick auf mögliche Neuwahlen erklärte Selenskyj, diese seien unter dem geltenden Kriegsrecht verschoben worden. Eine Durchführung sei theoretisch möglich, setze aber verlässliche Sicherheitsbedingungen voraus. Ob er selbst wieder kandidieren werde, ließ Selenskyj offen.
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Zum Abschluss sprach Selenskyj von „zwei parallelen Strängen“ und mehreren gleichzeitigen Schritten. Es gebe nicht den einen richtigen Weg, sondern verschiedene Richtungen, die parallel verfolgt werden müssten.
Auf die Frage, ob Putin den Krieg beenden werde, sagte Selenskyj: „Ja und nein. Wir werden sehen. Ja und nein. Er will es nicht, aber nicht wollen heißt nicht, dass er es nicht tun wird. Gott segne uns. Gott segne uns, wir werden erfolgreich sein. Danke.“
Quelle: BBC