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Der andere Teil des Gefangenenaustauschs: Heimkehr in Leichensäcken – teils nur noch Gebeine

Ukraine flag, Ukrainian Flag
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In der Ukraine kehren Vermisste nicht nur lebend zurück.

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Bei Gefangenenaustauschen werden nicht nur Überlebende zurückgeführt.

Auch gekühlte Waggons mit Leichensäcken erreichen ukrainische Städte und konfrontieren Angehörige mit der bangen Frage nach Gewissheit.

Wie der finnische Sender Yle berichtet, leben seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 Zehntausende Familien zwischen Hoffnung und Trauer.

Rückkehr der Toten

Auf einem Bahngelände in Odessa werden die aus Russland übergebenen Leichname entladen. In Zelten beginnen Gerichtsmediziner mit der Untersuchung.

Viele Überreste sind stark verwest, teilweise sind nur noch Knochen vorhanden.

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„Ich lasse meine Gefühle zu Hause, aber trotzdem ist das schmerzhaft. Das ist Krieg“, sagt der Forensiker Oleksandr Jantschukow laut Yle.

Nach offiziellen Angaben wurden im vergangenen Jahr mehr als 14.000 Leichname im Rahmen von Gefangenenaustauschen zurückgeführt. Ukrainische Behörden schätzten im vergangenen Jahr, dass seit Beginn der Invasion fast 70.000 Soldaten vermisst werden. Die tatsächliche Zahl könnte höher liegen.

Identität per DNA

Da Fingerabdrücke oder Tätowierungen meist nicht mehr erkennbar sind, bleibt häufig nur die DNA-Analyse.

Rund 2.500 Leichname wurden nach Odessa gebracht, etwa 700 konnten identifiziert und an ihre Familien übergeben werden.

„Es ist unsere Pflicht. Die Verstorbenen müssen identifiziert werden, damit sie zu ihren Angehörigen zurückkehren und beerdigt werden können, damit ihre Seelen Frieden finden“, sagt Tetjana Papisch, Leiterin des regionalen gerichtsmedizinischen Zentrums.

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Laborleiter Ruslan Krywda beschreibt die Schwierigkeiten: „Umweltfaktoren erschweren die Analyse. Seit dem Tod ist zu viel Zeit vergangen oder die Körper waren schwierigen Bedingungen ausgesetzt. Eine weitere Herausforderung ist es, DNA-Proben von nahen Verwandten sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits zu erhalten.“

Hinweise auf Verbrechen

Nach Darstellung der forensischen Experten finden sich unter den zurückgeführten Leichnamen auch mögliche Hinweise auf Kriegsverbrechen.

Einige Schädel weisen Einschusslöcher im Hinterkopf auf, was auf Hinrichtungen hindeuten könnte. Andere Tote seien mit gefesselten Händen und Füßen entdeckt worden, teils in ziviler Kleidung.

Die Ukraine hat rund 200.000 mutmaßliche russische Kriegsverbrechen dokumentiert, darunter Folter, Hinrichtungen und Angriffe auf zivile Einrichtungen. Die EU-Kommission geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl noch deutlich höher ist.

Leben in Ungewissheit

Für Julia Baglai aus Dnipro ist diese Realität persönlich. Ihr Mann Oleksandr verschwand im September 2023 bei Kämpfen in der Region Donezk.

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Seitdem durchsucht sie soziale Medien nach Spuren. Eine DNA-Probe der Mutter wurde bereits hinterlegt, um im Fall einer Identifizierung Gewissheit zu erhalten.

„Wenn er eines Tages nach Hause kommt, werde ich ihn ausschimpfen. Ich werde fragen, warum er ein solches Risiko eingegangen ist. Warum er geblieben ist, um andere zu schützen. Natürlich bin ich gleichzeitig sehr stolz auf ihn.“

Während die Labore weiter Proben auswerten und Behörden Fälle dokumentieren, bleibt für viele Familien der Alltag von Warten geprägt. Zwischen Hoffen und Bangen hält sie vor allem der Wunsch nach Klarheit aufrecht – ganz gleich, wie schmerzhaft diese am Ende sein mag.

Quelle: Yle

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