Nicht jeder Notruf ist ein Hilferuf.
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Innerhalb weniger Tage wurden in zwei Bundesländern ungewöhnliche Serien von Polizeianrufen bekannt. Sie hatten keinen akuten Auslöser, beanspruchten aber dennoch dauerhaft die Leitstellen.
Die Vorfälle machen sichtbar, wie soziale Probleme und Regelverstöße im Alltag der Sicherheitsbehörden aufeinandertreffen.
Leitungen unter Druck
Insgesamt gingen in den beiden bekannten Fällen mehr als 500 Anrufe bei Polizeinotrufen ein. Keiner davon meldete eine klassische Gefahrenlage. Trotzdem banden sie Zeit, Personal und Aufmerksamkeit in Systemen, die für akute Hilfe gedacht sind.
Ein Fall spielte sich in Bayern ab, der andere in Brandenburg. Beide wurden Anfang Februar öffentlich, unterschieden sich aber deutlich in Motivation und Ablauf.
Gespräche statt Hilfe
Im ersten Fall wählte, wie die Berliner Zeitung unter Berufung auf dpa berichtet, eine über 70-jährige Frau über Monate hinweg immer wieder die 110. Ihr Ziel war kein Einsatz, sondern ein Gespräch über aktuelle Ereignisse. Seit Mai 2025 kam sie so auf mehr als 300 Anrufe.
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Die Polizei suchte schließlich persönlich das Gespräch. Die Frau wurde über Zweck und mögliche Folgen des Notrufs informiert und sagte zu, künftig darauf zu verzichten. Ein Polizeisprecher betonte dabei: „Wir sind ja auch Menschen“, machte aber klar, dass absichtlicher Missbrauch nicht folgenlos bleibt.
Schweigen und Blockade
Anders gelagert war der zweite Fall, über den die Berliner Zeitung unter Berufung auf dpa berichtet. In Brandenburg rief eine 63-jährige Frau innerhalb kurzer Zeit 214-mal den Notruf an. Sie legte jeweils sofort wieder auf und nutzte mehrere Handynummern.
Da eine Notsituation nicht ausgeschlossen werden konnte, fuhren Einsatzkräfte zu ihrer Wohnung. Als sie nicht öffnete, ließ die Feuerwehr die Tür gewaltsam öffnen. Die Frau wurde unverletzt angetroffen, ihre Telefone wurden beschlagnahmt. Die Polizei leitete Ermittlungen ein.
Zwischen Einsamkeit und Straftat
Der bayerische Fall verweist auf ein breiteres gesellschaftliches Thema. Der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli von der Charité Berlin schätzt, dass sich inzwischen rund ein Drittel der Menschen in Deutschland einsam fühlt. Vor der Pandemie lag der Anteil deutlich niedriger. „Einsamkeit ist uns unglaublich peinlich“, sagt Adli, wie die Berliner Zeitung berichtet.
Gleichzeitig weisen die Brandenburger Ermittlungen auf klare rechtliche Grenzen hin. Wer Notrufleitungen vorsätzlich blockiert oder zweckentfremdet, riskiert Geld- oder Freiheitsstrafen sowie Kosten für ausgelöste Einsätze. Der Schutz der ständigen Erreichbarkeit steht dabei im Mittelpunkt.
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Quelle: Berliner Zeitung, dpa