Vorstellungen von Sauberkeit können sich verfestigen, lange bevor die wissenschaftlichen Belege nachziehen. Untersuchungen zu Gesichtsbehaarung deuten darauf hin, dass tägliche Gewohnheiten und professionelle Schutzmaßnahmen wichtiger sind als das äußere Erscheinungsbild.
Kaum eine Entscheidung bei der Körperpflege ist mit so vielen Annahmen über Hygiene verbunden wie ein Bart. Seit Jahrzehnten wird Gesichtsbehaarung von manchen Menschen mit mangelnder Sauberkeit in Verbindung gebracht, obwohl die Forschung keine einfache Regel nach dem Muster „Bart oder kein Bart“ stützt.
Laut The Guardian sagt John Tregoning, Professor für Impfstoffimmunologie am Imperial College London, dass die Vorstellung, Bärte seien weniger hygienisch, schon seit langer Zeit existiert.
Das Misstrauen ist leicht nachvollziehbar. Ein Bart ist sichtbar, strukturiert und befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Mund. Deshalb können Kunden, Patienten oder Arbeitgeber ihn als Hygieneproblem wahrnehmen, noch bevor konkrete Belege berücksichtigt werden.
Diese Reaktion spielt besonders in der Gastronomie eine Rolle, wo Vertrauen innerhalb weniger Sekunden entstehen oder verloren gehen kann. Eine in Service Business veröffentlichte Studie untersuchte, wie 514 US-amerikanische Verbraucher auf Restaurantmitarbeiter mit unterschiedlicher Gesichtsbehaarung reagierten – von glattrasierten Gesichtern bis hin zu Vollbärten.
Bevor die Forscher Bakterien untersuchten, betrachteten sie zunächst die Wahrnehmung der Teilnehmer. Je nach Gesichtsbehaarung bewerteten diese die Mitarbeiter unterschiedlich in Bezug auf Sauberkeit, persönliche Hygiene, Bedenken hinsichtlich des Umgangs mit Lebensmitteln, Attraktivität, Zufriedenheit und Loyalität.
Die Studie hilft zu erklären, warum Bärte in Restaurants mit einem Stigma behaftet sein können. Sie untersuchte jedoch nicht, ob die Mitarbeiter tatsächlich weniger sauber waren.
Frühe Bakterientests zeichneten ein komplexeres Bild
Eine Studie aus dem Jahr 1967 ging der Frage direkter nach. Die Forscher trugen Bakterien auf die Gesichter von Männern auf und maßen anschließend, wie viele davon auf gewaschener und ungewaschener Haut mit und ohne Bart nachgewiesen werden konnten.
Die höchste Bakterienmenge wurde bei ungewaschenen, glattrasierten Gesichtern nachgewiesen. Es folgten ungewaschene bärtige Gesichter, danach gewaschene bärtige Gesichter. Gewaschene, glattrasierte Gesichter wiesen die geringsten Werte auf.
Die Studie bewies nicht, dass Bärte grundsätzlich sauberer sind. Sie deutete jedoch darauf hin, dass Waschen das Bild verändert. Ein sauberer Bart könnte weniger problematisch sein als ein ungewaschenes glattrasiertes Gesicht.
Tregoning brachte es in The Guardian auf den Punkt: „Wenn man sein Gesicht nicht wäscht, ist es besser, einen Bart zu haben. Wenn man sein Gesicht aber wäscht, ist es etwas besser, glatt rasiert zu sein.“
Masken spielten in Operationssälen die größere Rolle
Im Gesundheitswesen stellt sich die Frage anders. Bei Operationen geht es nicht um das Unbehagen von Kunden oder um das Aussehen, sondern darum, ob Gesichtsbehaarung die Abgabe von Bakterien in der Nähe von Patienten erhöht.
Eine in Orthopedics veröffentlichte Studie untersuchte zehn bärtige und zehn glattrasierte Probanden. Sie führten standardisierte Gesichtsbewegungen über Kulturplatten aus – ohne Maske, mit Maske sowie mit Maske und nicht steriler Operationshaube.
Der deutlichste Unterschied zeigte sich bei den Masken. Teilnehmer ohne Maske gaben mehr Bakterien ab als Teilnehmer mit Maske. Wurden Masken getragen, gaben die bärtigen Probanden nicht mehr Bakterien ab als die glattrasierten.
Auch die zusätzlichen Hauben reduzierten die Bakterienabgabe im Vergleich zu Masken allein nicht signifikant. Für Operationssäle sprechen die Ergebnisse daher weniger für Rasurvorschriften als für die korrekte Anwendung von Schutzausrüstung.
Tregoning wies außerdem darauf hin, dass Bakterien auf der menschlichen Haut völlig normal sind.
„Alles hat Bakterien auf sich. Jeder Teil des Körpers, mit oder ohne Haare, trägt Bakterien. Wirklich problematisch wird es nur bei einer offenen Wunde. Meistens ist das völlig in Ordnung.“
Die vorliegenden Belege entbinden Bartträger nicht vom Waschen. Sie schwächen jedoch die alte Behauptung, Gesichtsbehaarung sei automatisch unhygienisch.
Quellen: The Guardian; Orthopedics; Service Business; Applied Microbiology, Juli 1967